von Thomas Koch

Wolfgang Hegewald / Lexikon des Lebens

Hegewald, in der DDR aufgewachsen, offiziell noch weit vor "89", ausgereist, beschreibt sein Leben in vielen kleineren und größeren Vignetten, Skizzen, hüben wie drüben, unter verschiedenen Namen. Eine unterschätzte literarische Trouvaille: Eine (Auto)biografie als Mosaik, in alphabetischer Reihung wie die Vornamen unseres Helden, eine richtig schöne Caprice.

Dahinter verbirgt sich aber ein klarer und urteilender Blick auf das Geschehen in der DDR, und, für uns Leser noch relevanter: ein klares, gelegentlich vernichtendes Urteil über die verklärenden, modischen, ach so wichtigen Bücher, wie es angeblich wirklich war. Mit kurzen, lakonischen Schilderungen demontiert er den Blick durch die rosa Brille. Das Ganze übrigens ungemein vergnüglich, durch den ungewöhnlichen Aufbau herrlich zum Schmökern geeignet - aber, da will ich gern beunruhigen: so interessant und spannend, das man nicht so recht von los kommt. Eine Lektüre für diese elenden DDR-Romantisierer: es war schrecklich. Aber was für ein Spaß, das Buch zu lesen!

Das MUSS ich haben!

(An diesem Link kann übrigens die wunderbare Intelligenz von Algorithmen und Maschinen erkennen: Dieses Buch heißt im Titel Lexikon, also wird es unter Nachschlagewerken rubriziert. Einfach Quatsch! Bullshit.)

von Thomas Koch

Eric Vuillard / Die Tagesordnung

Unser Blick auf Geschichte, auf die Weltläufte, ist ja geprägt durch Zusammenfassungen und „Zahlen & Fakten“. Seltener schon durch Biografien, die wir ja doch mehr als die Lebensläufe Einzelner lesen. Stachs wunderbare dreibändige Kafka-Biografie gibt so einen Eindruck, wie man Geschichte auch sehen kann. Fantastisch auch der Film „Die dunkle Stunde“. Aber Die Tagesordnung schlägt das alles. Wie konnten die Nazis so schnell und radikal an die Allmacht kommen?

In lakonischer Kürze, in drastischer Verengung der Sicht auf wenige Spieler und Gegenspieler, auf wenige willige Mitläufer und unvermeidliche Schwächlinge, zeichnet Vouillard ein finsteres Bild des Beginnes einer finsteren Epoche. Und das in nachgerade unfasslicher Lesefreundlichkeit. Ein Meisterwerk. Eigentlich Pflichtlektüre für den Geschichtsunterricht, für jeden an Politik Interessierten. Für jeden, der mit Sorge sieht, was gerade bei uns passiert.

Das muss ich haben!

von Thomas Koch

Alexander Schimmelbusch / Hochdeutschland

Ein allzu reicher Investment-Banker, selbstverliebt, gewissenlos, aber ungemein belesen und zynisch reflektiert, möchte einen Roman veröffentlichen - und erlebt erstmalig, wie es ist, abgebürstet zu werden, vernichtend. Ja, das muss man irgendwie kompensieren. Warum nicht ein extrem populistisches Parteiprogramm schreiben, den ganzen Frust abladen? Die Sache hat einen Haken: sie wird real. Alexander Schimmelbusch schreibt einen Roman über die Gründung einer absolut erfolgreichen AfD, eine bitterböse Satire, eine perfide Männer- und Machtfantasie - und ich bin nicht immer sicher gewesen, ob wirklich alles satirisch gemeint ist.

Dennoch ist es ein hochpolitisches Buch, das durchaus als deutsche Fortschreibung  von Houllebecqs Unterwerfung gedeutet werden kann. Dort übernimmt ja ein muslimischer Präsident Frankreich, hier nun eine deutsche Bewegung, die „Altparteien“ werden abgewählt. Das ist schon sehr spannend, aber der Weg dorthin, Schimmelbuschs hinter Sarkasmus und Zynismus verborgener Blick auf unsere Realität, ihre Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ihre Regierenden, das ist das eigentlich Faszinierende. Man mag lachen, dann wieder bleibt’s einem im Halse stecken. Ein spannendes Buch, das hoffentlich nie Wirklichkeit wird. Hoffentlich.

Das will ich!

von Thomas Koch

Pierre Lemaitre / Opfer

Ein Thriller, bei dessen Anfang man nicht zart besaitet sein darf. Eine Frau, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist, nämlich in unmittelbarer Nähe eines Überfalls auf ein Juweliergeschäft, wird zum Opfer eines der Täter - und das wird sehr plastisch beschrieben. Das liest sich nicht einfach, überhaupt ist dieses Buch zu Beginn etwas gewaltlastig, aber dann läuft es auf einen Zweikampf hinaus zwischen dem Haupttäter und dem Kommissar der Pariser Mordkommission, um dessen Lebensgefährtin es sich bei dem Opfer handelt.

Der Autor, der für einen (ebenfalls recht düsteren) Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist hier erstmals im Genre des Thrillers unterwegs; er  schreibt eindringlich, anstatt in Kapiteln wird in Zeittakten erzählt, die eigentliche Spannung resultiert jedoch einfach aus dem Wettlauf der beiden Hauptakteure.

Lemaitre ist einer dieser Autoren mit der wunderbaren Fähigkeit, Spannungsliteratur als Literatur zu schreiben, sprachmächtig, lesenswert, voller Wendungen und Überraschungen. Sehr sehr lesenswert!

Bitte vormerken, ich komme im August!

von Thomas Koch

Klaus Cäsar Zehrer / Das Genie

Der Autor hat mit Robert Gernhardt eine wahrlich köstliche, zum Schreien komische Anthologie

veröffentlicht und spielt in der deutschen Fußballnationalmannschaft der Schriftsteller, der Autonama, immerhin mal Europameister! Nun ein Roman:

Dieser erzählt eine wahre Begebenheit, die nichts mit Satire und gar nichts mit Fußball zu tun hat: Es ist die Geschichte eines Einwanderers in die USA, die Geschichte des Aufstiegs des Boris Sidis vom Kistenschlepper zum angesehenen Wissenschaftler, der an seinem eigenen Kind verstörende Erziehungsmethoden erprobt, die dieses Kind, William James Sidis,  zum Genie, zum wahrscheinlich intelligentesten je lebenden Menschen werden lassen. Und das geht natürlich nicht wirklich gut.

Das Kind macht sich auf seinen eigenen Weg und  …  mehr sollte hier nicht beschrieben werden.

Die Sprache ist ungekünstelt, es wird nicht versucht, eine Spannung aufzubauen und trotzdem will man dann schon wissen, wie es weitergeht. Unterhaltsame Lektüre für gemütliche Nachmittage oder regnerische Urlaubstage (wo immer es solche diesen Sommer gibt). Ein kleiner Tipp: recherchiert erst nach der Lektüre im Internet, Wikipedia spoilt ansonsten schon ziemlich!

Her damit für den Strandkorb!

von Thomas Koch

Johann Scheerer / Wir sind dann wohl die Angehörigen

Ich möchte da gar nicht viel zu schreiben: Johann Scheerer, dem Sohn von Jan Philipp Reemtsma, ist ein Kunstwerk gelungen. Die Schilderung dieser 33 Tage, die schonungslose Offenlegung seiner Empfindungen in einer wunderbaren, klaren, dabei höchst kunstvollen Sprache ist ein Buch-Ereignis sonders Gleichen. Einfach nur toll, bereichernd.

Schön, dass es dieses Buch gibt!

von Thomas Koch

Jan Seghers / Menschenfischer

Anders als Carlotto oder Barker setzt Seghers nicht auf grausame Tathergänge, obwohl bei ihm auch ordentlich was los ist. Nein, mit seiner nachgerade betulichen Sprache wirkt das alles noch viel schlimmer. Und, es ist nicht von der Hand zu weisen – die vielen jungen Flüchtlinge sind eine unerschöpfliche Ressource für Päderasten.

Aus diesem Stoff konstruiert Seghers eine überaus realistische Szenerie, die heutzutage üblichen Dämonen aus der Vergangenheit der handelnden Personen integriert er gelungen und glaubhaft – ein tolles Buch, spannend, wendungsreich und entsetzlich nah am Leben.

Ich will den Marthaler!