von Thomas Koch

Dany Laferrière / Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden

1985 nun debütierte Dany Laferrière mit diesem wilden Buch. In der frankophonen Welt war er sofort ein Star, jetzt  wurde das Buch endlich ins Deutsche übersetzt. Und es passt ins Thema:

In den 1970er-Jahren wird Haiti von einem grausamen Diktator beherrscht, Papa Doc. Niemand ist sicher; wer kann, der flieht. So auch unser Held. Er beschreibt in herrlicher Lakonie seine Ankunft, seine Wünsche, sein Treiben als Schwarzer im französischen Kanada. Der irgendwie ewige Konflikt zwischen schwarz und weiß, zwischen Koran und Bibel: wunderbar saftig, sehr saftig sogar, umwerfend komisch, super vergnüglich. Ich zitiere aus einer Rezension, die meine Begeisterung bestätigt:

»Es ist ein junger karibischer Bukowsky, der da schreibt….ein kraftvoller, politisch völlig unkorrekter Debut-Roman…voller Witz, Selbstironie und  -  Wahrheit…Das Buch hat Substanz.« ARD Buch und Hörbuch

Wie er Stereotype und Vorurteile mit leichter Hand auseinander nimmt, das hat schon Klasse:

„Gestern Abend war ich in einer Bar in der Innenstadt. Neben mir saßen ein  Schwarzer und eine Weiße. Ich kannte den Typ. Es fehlte nur, dass er dem Mädchen erzählt hätte, er isst gern Menschenfleisch, er kommt aus dem Busch und sein Vater ist der Hexenmeister des Dorfes. … Und ich sah zu, wie das Mädchen allem voll zustimmte, in Ekstase vor dem echten primitiven Mann …

Ich kenn den Typ gut genug, um zu wissen, er kommt nicht aus dem Busch, sondern aus Abidjan, einer afrikanischen Metropole, er hat lange in Dänemark und Holland gelebt … Er ist ein Städter und ein Westler.“

Ein wirklich tolles Buch, lustig, schamlos, vergnüglich, lehrreich.

 

von Thomas Koch

Samuel Selvon / Die Taugenichtse

1956 schrieb Samuel Selvon seinen Roman über die erste Nachkriegswelle von Einwanderern in England, die Generation Windrush, die Mokkas aus der Karibik. Und über die Angst der Engländer vor den Fremden, Ihrer Kultur …

Diese Menschen haben England verändert, die englische Sprache, ja vielleicht sogar das Denken. In England ist dieses Buch ein Klassiker, nun wurde es erstmals ins Deutsche übersetzt: fabelhaft!

Ich zitiere aus dem Klappentext, denn dem ist nichts hinzuzufügen:   „>Die Taugenichtse< ist ein bedingungslos aufrichtiger und zutiefst berührender Roman über die ersten Einwanderer Englands, die das Land für immer verändert haben – sein Denken, seine Sprache, sein Selbstverständnis. Ein Klassiker, der … mitten ins Herz unserer Gegenwart trifft. Ein neuer Sound zwischen kreolischem Straßenslang und balladesker Suada, der sofort ins Ohr geht.“

Sie werden das Buch nicht aus der Hand geben!

 

von Thomas Koch

Omar El Akkad / American War

Ein düsterer Blick auf die Zukunft der USA. Die dem Buch zu Grunde liegende Landkarte zeigt die alten Gräben, Nordstaaten gegen Südstaaten, wobei die Südstaaten durch Klimakatastrophen und ein Quarantänegebiet schon stark dezimiert sind. Auch wenn die Handlung 2075 und noch weiter in der Zukunft spielt, die Verrohung der Menschen im Krieg ist die gleiche wie früher und heute. Beschrieben wird das Leben einer Frau, die ein sehr unweibliches Leben führt. „Fesselnd und erschreckend“, dieses Zitat aus der Washington Post trifft es.

Muss man lesen!

 

von Thomas Koch

Yasmina Reza / Babylon

Wir kennen diese Autorin ja vor allem wegen ihres sensationell verfilmten Theaterstücks „Der Gott des Gemetzels“: ein hochkomischer Blick in das Innenleben zweier kultivierter, arrivierter Ehepaare, die Stress wegen ihrer Kinder haben.

Jetzt geht es etwas weiter: ein Mord geschieht nach einer zwanglosen Frühlingsparty, der Nachbar über den Gastgebern erwürgt seine Frau. Das ist alles sonnenklar, kein Krimi, aber ein köstlich sezierender Blick in das Innenleben dieser Paare und ihres Freundeskreises. Komisch und zugleich sehr ernst, analysierend.

Der Mord geschieht zwar erst auf Seite 79, und bis dahin ist es nicht immer leicht, bei der Stange zu bleiben  -  aber allein das Geständnis, die urkomische Schilderung dieser Hervorbringung, das lohnt die Lektüre.

Yasmina Reza ist ja gelernte Theaterautorin, das merkt man dem Text an: sensationelle Dialoge, Handlungen im Kammerspielformat, präzise, treffende Miniaturen  -  eine wunderbare Lektüre!

Einmal französischen Humor, bitte:

 

von Thomas Koch

Maurizio Torchio / Das angehaltene Leben

Eines der düstersten und eindringlichsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Die kurze Lebensbeichte eines Entführers  -  und die endlose Schilderung seiner Gefängnisleiden. Und eine erschütternde Darstellung des Kosmos Gefängnis, geschrieben in einer machtvollen, suggestiven Sprache. Ich weiß ja nicht, wo der Autor diese Erfahrungen recherchieren konnte, es ist beängstigend. Kein Lesespaß, sondern ein Ereignis, ein Horrortrip. Tolles Buch. Aber hart, sehr hart.

Einmal Gefängnisluft schnuppern, das will ich:

 

von Thomas Koch

Franzobel / Das Floß der Medusa

Allein schon das Zustandekommen des Künstlernamens verspricht feine Lektüre: Der gute Autor erwacht vor dem Fernseher, dort läuft mittlerweile ein Fußballspiel, es steht 2:0 zu Frankreich, Kurzfassung auf dem Bildschirm FRAN 2:0 BEL. Der schlaftrunkene Franz Stefan Griebl liest FRANZOBEL  -  so entstehen Künstlernamen.

Na ja, „Evangelio“ von Feridun Zaimoglu und „Kraft“ von Jonas Lüscher habe ich (an-)gelesen. Muss man nicht.

Franzobel / Das Floß der Medusa

 

von Thomas Koch

Sven Regener / Wiener Straße

 

Herr Lehmann ist zurück, juchhu; das wird ein Hauptspaß!

Sven Regener / Wiener Straße