von Thomas Koch

Juli Zeh / Leere Herzen

Nachdem Juli Zeh mit dem super erfolgreichen Roman „Unterleuten“ eine Geschichte aus einem Dorf in den neuen Bundesländern aus der Verknüpfung von Einzelschicksalen aufgerollt hat und dabei die Betonung, ein wenig wie im Buch von Towles, auf der Erzählung einer Geschichte lag, ist sie mit ihrem neuen Buch „Leere Herzen“  wieder in den Bereich der Gesellschaftsphilosophie und der sorgenvollen Betrachtung unserer Zukunft eingestiegen  –  eher wie in „Corpus Delicti“. Die Geschichte ist Mittel zum Zweck, die Idee ein Geniestreich, die Kritik an der Gegenwart sezierend und schmerzlich.

Die handelnden Personen haben sich im Jahr 2025 in einem Deutschland, das von einer Art AfD beherrscht, äh, regiert wird, ohne größere moralische Bedenken in einer Nische wirtschaftlich sehr erfolgreich eingerichtet und wollen diese nicht mit Mitbewerbern (nett formuliert) teilen. Es entwickelt sich ein beklemmend realistischer Thriller in der Juli Zeh eigenen lakonischen Sprache: kurze prägnante Sätze und ohne lange Absätze, kaum Introspektion, die Handlungen sprechen für sich. Eine Dystopie? Ja, aber noch haben wir es in der Hand. Noch haben es die Partien in der Hand. Noch.

Man muss es einfach lesen.

 

von Thomas Koch

Amor Towles / Ein Gentleman in Moskau

So langsam taucht dieses Buch in der einen oder anderen Empfehlungsliste auf und - es lohnt sich wirklich, wenn man einfach mal schmökern möchte, eine schöne Geschichte lesen will.

Natürlich kann man auch in diese Story eines russischen Adligen gesellschaftspolitische und historische Betrachtungen hineininterpretieren, der zu Zeiten der Oktoberrevolution erst seine Güter und seine Privilegien verliert, dann auch die Bürgerrechte; der in einem Moskauer Hotel unter Hausarrest gestellt wird, in dem er dann als Kellner arbeiten muss. Natürlich geht es dann auch um die Darstellung der Gewinner und der Verlierer der russischen Revolution, aber man kann sich auch einfach an der in einer schönen Sprache erzählten und mit überraschenden Wendungen breit ausgemalten Lebensdarstellung dieses „Gentleman“ erfreuen. Ich finde, so sollte man das Buch auch lesen – es macht einfach Spaß.

Eine wirklich schöne Geschichte aus Moskau …..

 

von Thomas Koch

Ilija Trojanow / Nach der Flucht

Ja, und dann noch das aktuelle Buch des Weltensammlers Ilija Trojanow : In knappen Bildern, Mosaiksteinen gleich, erzählt der 1965 in Bulgarien geborene, mit den Eltern 1971 geflohene Autor vom Leben nach der Flucht. Von den Schwierigkeiten und Peinlichkeiten  -  auf beiden Seiten. Ein sehr einprägsame, Erkenntnis stiftende Analyse, die sich wunderbar leicht lesen lässt. Kurze, eindringliche Sätze wie: „Den Anderen nur als ,Anderen‘ wahrzunehmen ist der Beginn von Gewalt.“ Oder: „Heimat ist das, was in einem nicht sterben kann. Eine Illusion, die auch dann nicht verschwindet, wenn man nicht mehr an sie glaubt.“

Selbst wenn die Integration über alle Maßen gelingt, irgendwas bleibt, z.B. „Sie haben ja gar keinen Akzent. Das klingt wie Sie verheimlichen uns etwas…“ Oder die Passage, deretwegen ich das Buch dann endgültig las: „Stets wird der Geflüchtete (also Trojanow) vorgestellt als einer, der von woanders kam. Der spät in einer Winternacht in einen Gasthof trat. Der nicht eingeladen war. Ein Mündel, dem ein Teller Suppe vorgesetzt wurde, weil es sich so ziemt. Egal, wie viele Jahre seit seiner Flucht vergangen sind, die Einheimischen kennzeichnen ihn als jemand, der etwas Essentielles nicht mit ihnen teilt.“

Eine kluge und poetische Meditation über das Fremdsein. Literatur als Widerstand, Poesie als Waffe gegen diese neue alte Angst.

Ein wunderbares Buch.

 

von Thomas Koch

Dany Laferrière / Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden

1985 nun debütierte Dany Laferrière mit diesem wilden Buch. In der frankophonen Welt war er sofort ein Star, jetzt  wurde das Buch endlich ins Deutsche übersetzt. Und es passt ins Thema:

In den 1970er-Jahren wird Haiti von einem grausamen Diktator beherrscht, Papa Doc. Niemand ist sicher; wer kann, der flieht. So auch unser Held. Er beschreibt in herrlicher Lakonie seine Ankunft, seine Wünsche, sein Treiben als Schwarzer im französischen Kanada. Der irgendwie ewige Konflikt zwischen schwarz und weiß, zwischen Koran und Bibel: wunderbar saftig, sehr saftig sogar, umwerfend komisch, super vergnüglich. Ich zitiere aus einer Rezension, die meine Begeisterung bestätigt:

»Es ist ein junger karibischer Bukowsky, der da schreibt….ein kraftvoller, politisch völlig unkorrekter Debut-Roman…voller Witz, Selbstironie und  -  Wahrheit…Das Buch hat Substanz.« ARD Buch und Hörbuch

Wie er Stereotype und Vorurteile mit leichter Hand auseinander nimmt, das hat schon Klasse:

„Gestern Abend war ich in einer Bar in der Innenstadt. Neben mir saßen ein  Schwarzer und eine Weiße. Ich kannte den Typ. Es fehlte nur, dass er dem Mädchen erzählt hätte, er isst gern Menschenfleisch, er kommt aus dem Busch und sein Vater ist der Hexenmeister des Dorfes. … Und ich sah zu, wie das Mädchen allem voll zustimmte, in Ekstase vor dem echten primitiven Mann …

Ich kenn den Typ gut genug, um zu wissen, er kommt nicht aus dem Busch, sondern aus Abidjan, einer afrikanischen Metropole, er hat lange in Dänemark und Holland gelebt … Er ist ein Städter und ein Westler.“

Ein wirklich tolles Buch, lustig, schamlos, vergnüglich, lehrreich.

 

von Thomas Koch

Samuel Selvon / Die Taugenichtse

1956 schrieb Samuel Selvon seinen Roman über die erste Nachkriegswelle von Einwanderern in England, die Generation Windrush, die Mokkas aus der Karibik. Und über die Angst der Engländer vor den Fremden, Ihrer Kultur …

Diese Menschen haben England verändert, die englische Sprache, ja vielleicht sogar das Denken. In England ist dieses Buch ein Klassiker, nun wurde es erstmals ins Deutsche übersetzt: fabelhaft!

Ich zitiere aus dem Klappentext, denn dem ist nichts hinzuzufügen:   „>Die Taugenichtse< ist ein bedingungslos aufrichtiger und zutiefst berührender Roman über die ersten Einwanderer Englands, die das Land für immer verändert haben – sein Denken, seine Sprache, sein Selbstverständnis. Ein Klassiker, der … mitten ins Herz unserer Gegenwart trifft. Ein neuer Sound zwischen kreolischem Straßenslang und balladesker Suada, der sofort ins Ohr geht.“

Sie werden das Buch nicht aus der Hand geben!

 

von Thomas Koch

Omar El Akkad / American War

Ein düsterer Blick auf die Zukunft der USA. Die dem Buch zu Grunde liegende Landkarte zeigt die alten Gräben, Nordstaaten gegen Südstaaten, wobei die Südstaaten durch Klimakatastrophen und ein Quarantänegebiet schon stark dezimiert sind. Auch wenn die Handlung 2075 und noch weiter in der Zukunft spielt, die Verrohung der Menschen im Krieg ist die gleiche wie früher und heute. Beschrieben wird das Leben einer Frau, die ein sehr unweibliches Leben führt. „Fesselnd und erschreckend“, dieses Zitat aus der Washington Post trifft es.

Muss man lesen!

 

von Thomas Koch

Yasmina Reza / Babylon

Wir kennen diese Autorin ja vor allem wegen ihres sensationell verfilmten Theaterstücks „Der Gott des Gemetzels“: ein hochkomischer Blick in das Innenleben zweier kultivierter, arrivierter Ehepaare, die Stress wegen ihrer Kinder haben.

Jetzt geht es etwas weiter: ein Mord geschieht nach einer zwanglosen Frühlingsparty, der Nachbar über den Gastgebern erwürgt seine Frau. Das ist alles sonnenklar, kein Krimi, aber ein köstlich sezierender Blick in das Innenleben dieser Paare und ihres Freundeskreises. Komisch und zugleich sehr ernst, analysierend.

Der Mord geschieht zwar erst auf Seite 79, und bis dahin ist es nicht immer leicht, bei der Stange zu bleiben  -  aber allein das Geständnis, die urkomische Schilderung dieser Hervorbringung, das lohnt die Lektüre.

Yasmina Reza ist ja gelernte Theaterautorin, das merkt man dem Text an: sensationelle Dialoge, Handlungen im Kammerspielformat, präzise, treffende Miniaturen  -  eine wunderbare Lektüre!

Einmal französischen Humor, bitte: