von Thomas Koch

Sie kennen das bestimmt auch: Ein Freund, ein Bekannter schenkt Ihnen ein Buch. Vom Autor haben Sie noch nie was gehört. Na ja, denken Sie vielleicht, ist ja ganz schön, ich guck mal rein. Und dann passiert etwas mit Ihnen: ein kaum beschreibbarer Sog entwickelt sich; man will das Buch nicht mehr weglegen; man recherchiert, wer zum Donner ist der Autor? (Und ich bitte um Entschuldigung, das gilt natürlich auch prinzipiell alles für Autorinnen!)

So ging es mir zur Jahreswende Michael Zöllner von Klett-Cotta ließ mir

„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz


zukommen mit der Anmerkung, das sei „der Hammer“. Verleger-Marketing, dachte ich. Zunächst. 

Wochen später, noch vor Einsetzen der Werbung, schaute ich dann hinein. Und es passierte das oben Beschriebene: eine Wucht von einem Buch! Elektrisierend, bedrückend, intensiv.

Die Geschichte ist kurz erzählt:

Berlin, 1938: Der angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann findet sich nach den Novemberpogromen und seiner Flucht aus Berlin als rastloser Reisender in den Zügen der Deutschen Reichsbahn wieder. Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Aus Deutschland kommt er nicht raus. Was ihm noch bleibt, ist eine Aktentasche voller Geld. In den Waggons, auf Bahnsteigen und in Bahnhofsrestaurants, auf seinen Fahrten quer durchs Land trifft er auf andere Reisende, Flüchtlinge und Nazis, auf gute wie schlechte Menschen.

Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch über alle Maßen faszinieren: Zum einen die kühl sezierende Beobachtung, wie schnell und umfassend das Böse um sich griff; und dem gegenüber die vollständige Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein noch wenige Wochen zuvor angesehener Bürger.

Das ist ja nun nicht neu, kann man mir entgegnen. Ja, und deswegen die zweite Sache, die Besonderheit an der Erzählweise Boschwitz‘: Eine ewig mäandernde Introspektion, stille Verzweiflung, ja, auch pure Larmoyanz, wechseln ab mit kurzen, fast kämpferischen Ansätzen des Aufbäumens und einer präzisen Beobachtung der Menschen um den Reisenden herum, der ja immer in der elementaren Gefahr ist, als Jude erkannt oder denunziert zu werden.

Das Ganze  ist so reif, so gekonnt  -  man mag es fast nicht glauben, dass es in fieberhafter Eile in nur vier Wochen direkt nach den November-Pogromen geschrieben wurde.

Und es ist einfach überwältigend traurig, bedrückend. Von ungeheurer, unmittelbarer Wucht. Die sich so schlagartig ändernde Lebenswirklichkeit im Hitlerdeutschland habe ich noch nie auch nur ähnlich intensiv nachempfinden können.

Und mit diesen Empfindungen steigt meine Wut auf all die Vergifter und Zündler, die jetzt wieder Oberwasser zu bekommen glauben.

Der Reisende. Ein großes Buch

von Thomas Koch

Marie NDiaye / Die Chefin

Aus Sicht eines langjährigen Angestellten (na klar: vergebliche Liebe ist auch im Spiel) wird die Biographie einer Frau erzählt, die als sechzehnjähriges Mädchen im Sommerhaus einer französischen Familie die Köchin vertreten soll. Damit beginnt eine Laufbahn, die in ein eigenes Restaurant führt und in der Auszeichnung mit einem Stern gipfelt.

Da das Ganze ja ein Roman ist, rankt sich um die reine biographische Erzählung die persönliche Geschichte der Frau und  –  es wird natürlich viel über wunderbar klingende Gerichte und Menüfolgen erzählt (ohne langatmige Zubereitungsbeschreibungen).

Die Grundstimmung des Buches ist irgendwie melancholisch (wahrscheinlich die vergebliche Liebe), und es ist auch kein leichtes Leben, von dem da erzählt wird, aber es ist eine Melancholie, in die man gerne eintaucht, während das eine oder andere Bild eines wunderbaren Essens in Frankreich vor dem inneren Auge auftaucht.

Ach, das wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

George Sand / Ein Winter auf Mallorca

Heute kaum vorstellbar: Als George Sand auf Mallorca ankommt, erscheint ihr diese Insel als touristisch unerschlossen, ohne schöne Gästeunterkünfte und ohne wirtschaftlich zielgerichtete Aktivitäten der Bevölkerung. Man ahnt, es gefällt ihr vieles nicht.

Der anschauliche Bericht darüber, warum es kein langer Aufenthalt und keine Freundschaft mit dieser Insel, für die sich heute  so viele begeistern, wurde,  ist in einer ungekürzten Neuübersetzung mit zeitgenössischen Bildern erschienen  -  und in Wahrheit natürlich nicht nur ein Reisebericht, sondern auch ein Spiegel der Lebensphilosophie dieser exzentrischen Frau.

Sie schreibt teils ernst, teils spannend, teils sarkastisch, und daher lesen sich die Episoden über den „1838 schönsten Unort der Welt“ als spannender Blick in eine ganz andere Zeit.

Ach, das wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

Wilhelm Betz / Charakterköpfe

Bei uns liegen sie schon als Tablebooks, werden immer wieder zur Hand genommen, regen zu Erinnerungen oder Aktivitäten an. Und man freut sich einfach, hinter der einen oder anderen Begebenheit nun ein Gesicht zu sehen.

Ach, Stuttgarter Charakterköpfe wäre doch was für …

 

Ach, Stuttgarter Frauen. Charakterköpfe wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

Jürgen Goldstein / Blau

Offiziell läuft das ja als Sachbuch. Na ja - irgendwie essayistisch ist es ja. Vor allem aber ist es ein wunderbares intellektuelles und literarisches Vergnügen. Ich zitiere hier die Bloggerin Katharina Herrmann, denn besser lässt es sich nicht beschreiben: „Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen.“

Und das in einer unglaublich eleganten Sprache, kunstvoll arrangiert, ein preiswürdiges Buch!

Ach, das wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

Wolfger Pöhlmann / Es geht um die Wurst

Offiziell läuft das ja als Sachbuch. Aber: das ist einfach ein Riesenspaß für alle Kerle, die gern essen  - am liebsten Wurst – (also für alle Kerle) oder die gern kochen. Also, der Mann weiß alles über Wurst, kennt alle, hat alle schon gegessen, liebt alle. Und so schreibt er. Ich muss das Thema wechseln, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

Ach, das wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

Amy Kaufman & Jay Kristoff / Illuminae – Die Illuminae-Akten

Offiziell läuft das ja als Jugendbuch „ab 14“: Quatsch: das ist einfach ein Riesenspaß für alle Jungs, die SciFi oder Star Wars oder Enterprise mögen. Und so gänzlich anders, ein Puzzle aus Mails, Funksprüchen, Monologen, Bauplänen, Skizzen, das eine wilde Geschichte von Liebe und bösen Konzernen, von Weltraumschlachten und Zombie-Viren äußerst unterhaltsam vorantreibt. Sensationell: Sie werden das Buch nicht aus der Hand geben!

Ach, das wäre doch was für …