von Thomas Koch

Johann Scheerer / Wir sind dann wohl die Angehörigen

Ich möchte da gar nicht viel zu schreiben: Johann Scheerer, dem Sohn von Jan Philipp Reemtsma, ist ein Kunstwerk gelungen. Die Schilderung dieser 33 Tage, die schonungslose Offenlegung seiner Empfindungen in einer wunderbaren, klaren, dabei höchst kunstvollen Sprache ist ein Buch-Ereignis sonders Gleichen. Einfach nur toll, bereichernd.

Schön, dass es dieses Buch gibt!

von Thomas Koch

Jan Seghers / Menschenfischer

Anders als Carlotto oder Barker setzt Seghers nicht auf grausame Tathergänge, obwohl bei ihm auch ordentlich was los ist. Nein, mit seiner nachgerade betulichen Sprache wirkt das alles noch viel schlimmer. Und, es ist nicht von der Hand zu weisen – die vielen jungen Flüchtlinge sind eine unerschöpfliche Ressource für Päderasten.

Aus diesem Stoff konstruiert Seghers eine überaus realistische Szenerie, die heutzutage üblichen Dämonen aus der Vergangenheit der handelnden Personen integriert er gelungen und glaubhaft – ein tolles Buch, spannend, wendungsreich und entsetzlich nah am Leben.

Ich will den Marthaler!

von Thomas Koch

Massimo Carlotto / Der Tourist

Hier zitiert er ein klein wenig den schönen Action-Film mit Johnny Depp und Angelina Jolie: auch sein Tourist ist in Venedig aktiv, aber deutlich anders - ein Lustmörder! Ein Frauenwürger, der’s, man möge mir die Frivolität trotz dieser Zeiten verzeihen, der’s nicht leicht hat. Nach seinem letzten Mord, einer für beide Parteien entsetzlichen Quälerei, ist nichts mehr, wie es einmal war.

„Der Tourist“ ist ein spannender Thriller; mit fast absurden Wendungen, mit Ironie und ausgeprägtem Kulturpessimismus springt der Autor über Genregrenzen, verschiebt er die Grenze zwischen Gut und Böse bedenklich und genüsslich in die falsche Richtung. Ein klassischer finsterer Carlotto, kühl und explizit, sehr sehr spannend. Je nach persönlicher Gemüts- und Morallage wird man das Ende entweder als verstörend oder logisch empfinden: die Welt ist, wie sie ist.

Den Mörder wünsch ich mir!

von Thomas Koch

J. D. Barker / The Fourth Monkey

Seit fünf Jahren wird Chicago von einem bösartigen (gibt es eigentlich gute?) Serienkiller heimgesucht. Dann geschieht das Unerwartete, der Mörder erliegt einem Verkehrsunfall, hat aber irgendwo offensichtlich noch ein letztes, wohl noch lebendes Opfer versteckt.

Fieberhaft muss die Polizei ermitteln, nichts bleibt unversucht, man kommt der Lösung näher, Hoffnung keimt auf. Oder etwa doch nicht? Der Stress der Situation, der Frust der Ermittler, die Boshaftigkeit des Mörders  -  das alles ist sensationell konfiguriert und geschildert. Teils sehr explizit; als Leser sollte man schon „hart im Nehmen“ sein. Aber dafür wird man mit einer sehr spannenden, durchaus ungewöhnlichen und brutal gut konstruierten Geschichte belohnt. Spannend bis zur letzten Seite, sehr gut aufgelöst: eine Wucht!

Ja, ich will Nägel kauen!

von Thomas Koch

Sie kennen das bestimmt auch: Ein Freund, ein Bekannter schenkt Ihnen ein Buch. Vom Autor haben Sie noch nie was gehört. Na ja, denken Sie vielleicht, ist ja ganz schön, ich guck mal rein. Und dann passiert etwas mit Ihnen: ein kaum beschreibbarer Sog entwickelt sich; man will das Buch nicht mehr weglegen; man recherchiert, wer zum Donner ist der Autor? (Und ich bitte um Entschuldigung, das gilt natürlich auch prinzipiell alles für Autorinnen!)

So ging es mir zur Jahreswende Michael Zöllner von Klett-Cotta ließ mir

„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz


zukommen mit der Anmerkung, das sei „der Hammer“. Verleger-Marketing, dachte ich. Zunächst. 

Wochen später, noch vor Einsetzen der Werbung, schaute ich dann hinein. Und es passierte das oben Beschriebene: eine Wucht von einem Buch! Elektrisierend, bedrückend, intensiv.

Die Geschichte ist kurz erzählt:

Berlin, 1938: Der angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann findet sich nach den Novemberpogromen und seiner Flucht aus Berlin als rastloser Reisender in den Zügen der Deutschen Reichsbahn wieder. Verwandte und Freunde sind verhaftet oder verschwunden. Aus Deutschland kommt er nicht raus. Was ihm noch bleibt, ist eine Aktentasche voller Geld. In den Waggons, auf Bahnsteigen und in Bahnhofsrestaurants, auf seinen Fahrten quer durchs Land trifft er auf andere Reisende, Flüchtlinge und Nazis, auf gute wie schlechte Menschen.

Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch über alle Maßen faszinieren: Zum einen die kühl sezierende Beobachtung, wie schnell und umfassend das Böse um sich griff; und dem gegenüber die vollständige Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein noch wenige Wochen zuvor angesehener Bürger.

Das ist ja nun nicht neu, kann man mir entgegnen. Ja, und deswegen die zweite Sache, die Besonderheit an der Erzählweise Boschwitz‘: Eine ewig mäandernde Introspektion, stille Verzweiflung, ja, auch pure Larmoyanz, wechseln ab mit kurzen, fast kämpferischen Ansätzen des Aufbäumens und einer präzisen Beobachtung der Menschen um den Reisenden herum, der ja immer in der elementaren Gefahr ist, als Jude erkannt oder denunziert zu werden.

Das Ganze  ist so reif, so gekonnt  -  man mag es fast nicht glauben, dass es in fieberhafter Eile in nur vier Wochen direkt nach den November-Pogromen geschrieben wurde.

Und es ist einfach überwältigend traurig, bedrückend. Von ungeheurer, unmittelbarer Wucht. Die sich so schlagartig ändernde Lebenswirklichkeit im Hitlerdeutschland habe ich noch nie auch nur ähnlich intensiv nachempfinden können.

Und mit diesen Empfindungen steigt meine Wut auf all die Vergifter und Zündler, die jetzt wieder Oberwasser zu bekommen glauben.

Der Reisende. Ein großes Buch

von Thomas Koch

Marie NDiaye / Die Chefin

Aus Sicht eines langjährigen Angestellten (na klar: vergebliche Liebe ist auch im Spiel) wird die Biographie einer Frau erzählt, die als sechzehnjähriges Mädchen im Sommerhaus einer französischen Familie die Köchin vertreten soll. Damit beginnt eine Laufbahn, die in ein eigenes Restaurant führt und in der Auszeichnung mit einem Stern gipfelt.

Da das Ganze ja ein Roman ist, rankt sich um die reine biographische Erzählung die persönliche Geschichte der Frau und  –  es wird natürlich viel über wunderbar klingende Gerichte und Menüfolgen erzählt (ohne langatmige Zubereitungsbeschreibungen).

Die Grundstimmung des Buches ist irgendwie melancholisch (wahrscheinlich die vergebliche Liebe), und es ist auch kein leichtes Leben, von dem da erzählt wird, aber es ist eine Melancholie, in die man gerne eintaucht, während das eine oder andere Bild eines wunderbaren Essens in Frankreich vor dem inneren Auge auftaucht.

Ach, das wäre doch was für …

 

von Thomas Koch

George Sand / Ein Winter auf Mallorca

Heute kaum vorstellbar: Als George Sand auf Mallorca ankommt, erscheint ihr diese Insel als touristisch unerschlossen, ohne schöne Gästeunterkünfte und ohne wirtschaftlich zielgerichtete Aktivitäten der Bevölkerung. Man ahnt, es gefällt ihr vieles nicht.

Der anschauliche Bericht darüber, warum es kein langer Aufenthalt und keine Freundschaft mit dieser Insel, für die sich heute  so viele begeistern, wurde,  ist in einer ungekürzten Neuübersetzung mit zeitgenössischen Bildern erschienen  -  und in Wahrheit natürlich nicht nur ein Reisebericht, sondern auch ein Spiegel der Lebensphilosophie dieser exzentrischen Frau.

Sie schreibt teils ernst, teils spannend, teils sarkastisch, und daher lesen sich die Episoden über den „1838 schönsten Unort der Welt“ als spannender Blick in eine ganz andere Zeit.

Ach, das wäre doch was für …