von Thomas Koch

Wolfram Fleischhauer / Das Meer

Vor dem Hintergrund zweier Liebesgeschichten werden die Folgen des steigenden Fischkonsums der Menschen ausgebreitet.

Überfischung in den ausgewiesenen Fanggebieten ist nur die für alle sichtbare Seite (wenn man hinschaut). Der brutale und verbrecherische Teil der Fischindustrie spielt sich jedoch längst in den Gebieten ab, in denen eigentlich gar nicht gefischt werden darf. Die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten, die Ausbeutung neuzeitlicher Sklaven, werden gegen die durch die politischen Prozesse der Europäischen Union gehemmten Versuche, das Verderben einzudämmen, gestellt.

Umweltaktivisten ersinnen einen Weg, der Fischmafia das Handwerk zu legen, der ebenso einleuchtend wie radikal ist.

Und das alles führt wieder zu den Liebesgeschichten und wird auch noch zu einem Ende gebraucht, mit dem der Leser leben kann. Eine gelungene Mischung aus Aktualität (was macht der Mensch mit der Erde), Politik (wie halten es die Menschen in diesen Gremien nur aus?) und rasantem Pageturner. Fleischhauer schafft es immer wieder, die Skandale um die Mächtigen zu spannenden, zu super lesenswerten Thrillern zu formen! Das verbessert die Welt vielleicht nicht, aber es öffnet Augen.

Als Literatursüchtiger und Buchhändler hoffe ich nur, dass Fleischhauer demnächst einen Thriller über die Sauereien um das Urheberrecht schreibt!

Lieber das als Dosenfisch!

von Thomas Koch

Fredrik Sjöberg / Vom Aufhören - Über die Flüchtigkeit des Ruhms

Dieser Schwede schafft es mit jedem neuen Buch, seine Leser zu überraschen; auch deswegen verschlinge ich alles von ihm. Wobei, verschlingen trifft es nicht, es ist eher ein gemächliches stetiges Lesen, fast wie in Trance. Immer spürt er Randpersonen der Geschichte nach, gräbt Unglaubliches, scheinbar total Banales, aus - und verknüpft es mit klugen Überlegungen über unsere menschliche Existenz.

In diesem Buch forscht er zwei nahezu vergessenen schwedischen Malern nach und reflektiert darüber, was nun Scheitern sei und wer das wohl bestimmt: der Gescheiterte, der das nicht so empfindet? Oder eine „Gesellschaft“, die nicht bekommt, was sie will?

Sehr sehr klug und noch viel lesenswerter; ein bisschen skurril, aber nur ein bisschen. Und Achtung: hohe Suchtgefahr! (Wer sich dann den Rosinenkönig kauft, ist für immer verloren.)

Muss ich haben!

von Thomas Koch

Wolfgang Hegewald / Lexikon des Lebens

Hegewald, in der DDR aufgewachsen, offiziell noch weit vor "89", ausgereist, beschreibt sein Leben in vielen kleineren und größeren Vignetten, Skizzen, hüben wie drüben, unter verschiedenen Namen. Eine unterschätzte literarische Trouvaille: Eine (Auto)biografie als Mosaik, in alphabetischer Reihung wie die Vornamen unseres Helden, eine richtig schöne Caprice.

Dahinter verbirgt sich aber ein klarer und urteilender Blick auf das Geschehen in der DDR, und, für uns Leser noch relevanter: ein klares, gelegentlich vernichtendes Urteil über die verklärenden, modischen, ach so wichtigen Bücher, wie es angeblich wirklich war. Mit kurzen, lakonischen Schilderungen demontiert er den Blick durch die rosa Brille. Das Ganze übrigens ungemein vergnüglich, durch den ungewöhnlichen Aufbau herrlich zum Schmökern geeignet - aber, da will ich gern beunruhigen: so interessant und spannend, das man nicht so recht von los kommt. Eine Lektüre für diese elenden DDR-Romantisierer: es war schrecklich. Aber was für ein Spaß, das Buch zu lesen!

Das MUSS ich haben!

(An diesem Link kann übrigens die wunderbare Intelligenz von Algorithmen und Maschinen erkennen: Dieses Buch heißt im Titel Lexikon, also wird es unter Nachschlagewerken rubriziert. Einfach Quatsch! Bullshit.)

von Thomas Koch

Eric Vuillard / Die Tagesordnung

Unser Blick auf Geschichte, auf die Weltläufte, ist ja geprägt durch Zusammenfassungen und „Zahlen & Fakten“. Seltener schon durch Biografien, die wir ja doch mehr als die Lebensläufe Einzelner lesen. Stachs wunderbare dreibändige Kafka-Biografie gibt so einen Eindruck, wie man Geschichte auch sehen kann. Fantastisch auch der Film „Die dunkle Stunde“. Aber Die Tagesordnung schlägt das alles. Wie konnten die Nazis so schnell und radikal an die Allmacht kommen?

In lakonischer Kürze, in drastischer Verengung der Sicht auf wenige Spieler und Gegenspieler, auf wenige willige Mitläufer und unvermeidliche Schwächlinge, zeichnet Vouillard ein finsteres Bild des Beginnes einer finsteren Epoche. Und das in nachgerade unfasslicher Lesefreundlichkeit. Ein Meisterwerk. Eigentlich Pflichtlektüre für den Geschichtsunterricht, für jeden an Politik Interessierten. Für jeden, der mit Sorge sieht, was gerade bei uns passiert.

Das muss ich haben!

von Thomas Koch

Alexander Schimmelbusch / Hochdeutschland

Ein allzu reicher Investment-Banker, selbstverliebt, gewissenlos, aber ungemein belesen und zynisch reflektiert, möchte einen Roman veröffentlichen - und erlebt erstmalig, wie es ist, abgebürstet zu werden, vernichtend. Ja, das muss man irgendwie kompensieren. Warum nicht ein extrem populistisches Parteiprogramm schreiben, den ganzen Frust abladen? Die Sache hat einen Haken: sie wird real. Alexander Schimmelbusch schreibt einen Roman über die Gründung einer absolut erfolgreichen AfD, eine bitterböse Satire, eine perfide Männer- und Machtfantasie - und ich bin nicht immer sicher gewesen, ob wirklich alles satirisch gemeint ist.

Dennoch ist es ein hochpolitisches Buch, das durchaus als deutsche Fortschreibung  von Houllebecqs Unterwerfung gedeutet werden kann. Dort übernimmt ja ein muslimischer Präsident Frankreich, hier nun eine deutsche Bewegung, die „Altparteien“ werden abgewählt. Das ist schon sehr spannend, aber der Weg dorthin, Schimmelbuschs hinter Sarkasmus und Zynismus verborgener Blick auf unsere Realität, ihre Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ihre Regierenden, das ist das eigentlich Faszinierende. Man mag lachen, dann wieder bleibt’s einem im Halse stecken. Ein spannendes Buch, das hoffentlich nie Wirklichkeit wird. Hoffentlich.

Das will ich!

von Thomas Koch

Pierre Lemaitre / Opfer

Ein Thriller, bei dessen Anfang man nicht zart besaitet sein darf. Eine Frau, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist, nämlich in unmittelbarer Nähe eines Überfalls auf ein Juweliergeschäft, wird zum Opfer eines der Täter - und das wird sehr plastisch beschrieben. Das liest sich nicht einfach, überhaupt ist dieses Buch zu Beginn etwas gewaltlastig, aber dann läuft es auf einen Zweikampf hinaus zwischen dem Haupttäter und dem Kommissar der Pariser Mordkommission, um dessen Lebensgefährtin es sich bei dem Opfer handelt.

Der Autor, der für einen (ebenfalls recht düsteren) Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist hier erstmals im Genre des Thrillers unterwegs; er  schreibt eindringlich, anstatt in Kapiteln wird in Zeittakten erzählt, die eigentliche Spannung resultiert jedoch einfach aus dem Wettlauf der beiden Hauptakteure.

Lemaitre ist einer dieser Autoren mit der wunderbaren Fähigkeit, Spannungsliteratur als Literatur zu schreiben, sprachmächtig, lesenswert, voller Wendungen und Überraschungen. Sehr sehr lesenswert!

Bitte vormerken, ich komme im August!

von Thomas Koch

Klaus Cäsar Zehrer / Das Genie

Der Autor hat mit Robert Gernhardt eine wahrlich köstliche, zum Schreien komische Anthologie

veröffentlicht und spielt in der deutschen Fußballnationalmannschaft der Schriftsteller, der Autonama, immerhin mal Europameister! Nun ein Roman:

Dieser erzählt eine wahre Begebenheit, die nichts mit Satire und gar nichts mit Fußball zu tun hat: Es ist die Geschichte eines Einwanderers in die USA, die Geschichte des Aufstiegs des Boris Sidis vom Kistenschlepper zum angesehenen Wissenschaftler, der an seinem eigenen Kind verstörende Erziehungsmethoden erprobt, die dieses Kind, William James Sidis,  zum Genie, zum wahrscheinlich intelligentesten je lebenden Menschen werden lassen. Und das geht natürlich nicht wirklich gut.

Das Kind macht sich auf seinen eigenen Weg und  …  mehr sollte hier nicht beschrieben werden.

Die Sprache ist ungekünstelt, es wird nicht versucht, eine Spannung aufzubauen und trotzdem will man dann schon wissen, wie es weitergeht. Unterhaltsame Lektüre für gemütliche Nachmittage oder regnerische Urlaubstage (wo immer es solche diesen Sommer gibt). Ein kleiner Tipp: recherchiert erst nach der Lektüre im Internet, Wikipedia spoilt ansonsten schon ziemlich!

Her damit für den Strandkorb!