von Thomas Koch

Alexander Schimmelbusch / Hochdeutschland

Ein allzu reicher Investment-Banker, selbstverliebt, gewissenlos, aber ungemein belesen und zynisch reflektiert, möchte einen Roman veröffentlichen - und erlebt erstmalig, wie es ist, abgebürstet zu werden, vernichtend. Ja, das muss man irgendwie kompensieren. Warum nicht ein extrem populistisches Parteiprogramm schreiben, den ganzen Frust abladen? Die Sache hat einen Haken: sie wird real. Alexander Schimmelbusch schreibt einen Roman über die Gründung einer absolut erfolgreichen AfD, eine bitterböse Satire, eine perfide Männer- und Machtfantasie - und ich bin nicht immer sicher gewesen, ob wirklich alles satirisch gemeint ist.

Dennoch ist es ein hochpolitisches Buch, das durchaus als deutsche Fortschreibung  von Houllebecqs Unterwerfung gedeutet werden kann. Dort übernimmt ja ein muslimischer Präsident Frankreich, hier nun eine deutsche Bewegung, die „Altparteien“ werden abgewählt. Das ist schon sehr spannend, aber der Weg dorthin, Schimmelbuschs hinter Sarkasmus und Zynismus verborgener Blick auf unsere Realität, ihre Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ihre Regierenden, das ist das eigentlich Faszinierende. Man mag lachen, dann wieder bleibt’s einem im Halse stecken. Ein spannendes Buch, das hoffentlich nie Wirklichkeit wird. Hoffentlich.

Das will ich!

von Thomas Koch

Pierre Lemaitre / Opfer

Ein Thriller, bei dessen Anfang man nicht zart besaitet sein darf. Eine Frau, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist, nämlich in unmittelbarer Nähe eines Überfalls auf ein Juweliergeschäft, wird zum Opfer eines der Täter - und das wird sehr plastisch beschrieben. Das liest sich nicht einfach, überhaupt ist dieses Buch zu Beginn etwas gewaltlastig, aber dann läuft es auf einen Zweikampf hinaus zwischen dem Haupttäter und dem Kommissar der Pariser Mordkommission, um dessen Lebensgefährtin es sich bei dem Opfer handelt.

Der Autor, der für einen (ebenfalls recht düsteren) Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist hier erstmals im Genre des Thrillers unterwegs; er  schreibt eindringlich, anstatt in Kapiteln wird in Zeittakten erzählt, die eigentliche Spannung resultiert jedoch einfach aus dem Wettlauf der beiden Hauptakteure.

Lemaitre ist einer dieser Autoren mit der wunderbaren Fähigkeit, Spannungsliteratur als Literatur zu schreiben, sprachmächtig, lesenswert, voller Wendungen und Überraschungen. Sehr sehr lesenswert!

Bitte vormerken, ich komme im August!

von Thomas Koch

Klaus Cäsar Zehrer / Das Genie

Der Autor hat mit Robert Gernhardt eine wahrlich köstliche, zum Schreien komische Anthologie

veröffentlicht und spielt in der deutschen Fußballnationalmannschaft der Schriftsteller, der Autonama, immerhin mal Europameister! Nun ein Roman:

Dieser erzählt eine wahre Begebenheit, die nichts mit Satire und gar nichts mit Fußball zu tun hat: Es ist die Geschichte eines Einwanderers in die USA, die Geschichte des Aufstiegs des Boris Sidis vom Kistenschlepper zum angesehenen Wissenschaftler, der an seinem eigenen Kind verstörende Erziehungsmethoden erprobt, die dieses Kind, William James Sidis,  zum Genie, zum wahrscheinlich intelligentesten je lebenden Menschen werden lassen. Und das geht natürlich nicht wirklich gut.

Das Kind macht sich auf seinen eigenen Weg und  …  mehr sollte hier nicht beschrieben werden.

Die Sprache ist ungekünstelt, es wird nicht versucht, eine Spannung aufzubauen und trotzdem will man dann schon wissen, wie es weitergeht. Unterhaltsame Lektüre für gemütliche Nachmittage oder regnerische Urlaubstage (wo immer es solche diesen Sommer gibt). Ein kleiner Tipp: recherchiert erst nach der Lektüre im Internet, Wikipedia spoilt ansonsten schon ziemlich!

Her damit für den Strandkorb!

von Thomas Koch

Johann Scheerer / Wir sind dann wohl die Angehörigen

Ich möchte da gar nicht viel zu schreiben: Johann Scheerer, dem Sohn von Jan Philipp Reemtsma, ist ein Kunstwerk gelungen. Die Schilderung dieser 33 Tage, die schonungslose Offenlegung seiner Empfindungen in einer wunderbaren, klaren, dabei höchst kunstvollen Sprache ist ein Buch-Ereignis sonders Gleichen. Einfach nur toll, bereichernd.

Schön, dass es dieses Buch gibt!

von Thomas Koch

Jan Seghers / Menschenfischer

Anders als Carlotto oder Barker setzt Seghers nicht auf grausame Tathergänge, obwohl bei ihm auch ordentlich was los ist. Nein, mit seiner nachgerade betulichen Sprache wirkt das alles noch viel schlimmer. Und, es ist nicht von der Hand zu weisen – die vielen jungen Flüchtlinge sind eine unerschöpfliche Ressource für Päderasten.

Aus diesem Stoff konstruiert Seghers eine überaus realistische Szenerie, die heutzutage üblichen Dämonen aus der Vergangenheit der handelnden Personen integriert er gelungen und glaubhaft – ein tolles Buch, spannend, wendungsreich und entsetzlich nah am Leben.

Ich will den Marthaler!

von Thomas Koch

Massimo Carlotto / Der Tourist

Hier zitiert er ein klein wenig den schönen Action-Film mit Johnny Depp und Angelina Jolie: auch sein Tourist ist in Venedig aktiv, aber deutlich anders - ein Lustmörder! Ein Frauenwürger, der’s, man möge mir die Frivolität trotz dieser Zeiten verzeihen, der’s nicht leicht hat. Nach seinem letzten Mord, einer für beide Parteien entsetzlichen Quälerei, ist nichts mehr, wie es einmal war.

„Der Tourist“ ist ein spannender Thriller; mit fast absurden Wendungen, mit Ironie und ausgeprägtem Kulturpessimismus springt der Autor über Genregrenzen, verschiebt er die Grenze zwischen Gut und Böse bedenklich und genüsslich in die falsche Richtung. Ein klassischer finsterer Carlotto, kühl und explizit, sehr sehr spannend. Je nach persönlicher Gemüts- und Morallage wird man das Ende entweder als verstörend oder logisch empfinden: die Welt ist, wie sie ist.

Den Mörder wünsch ich mir!

von Thomas Koch

J. D. Barker / The Fourth Monkey

Seit fünf Jahren wird Chicago von einem bösartigen (gibt es eigentlich gute?) Serienkiller heimgesucht. Dann geschieht das Unerwartete, der Mörder erliegt einem Verkehrsunfall, hat aber irgendwo offensichtlich noch ein letztes, wohl noch lebendes Opfer versteckt.

Fieberhaft muss die Polizei ermitteln, nichts bleibt unversucht, man kommt der Lösung näher, Hoffnung keimt auf. Oder etwa doch nicht? Der Stress der Situation, der Frust der Ermittler, die Boshaftigkeit des Mörders  -  das alles ist sensationell konfiguriert und geschildert. Teils sehr explizit; als Leser sollte man schon „hart im Nehmen“ sein. Aber dafür wird man mit einer sehr spannenden, durchaus ungewöhnlichen und brutal gut konstruierten Geschichte belohnt. Spannend bis zur letzten Seite, sehr gut aufgelöst: eine Wucht!

Ja, ich will Nägel kauen!