von Thomas Koch

Winfried Kretschmann / Worauf wir uns verlassen wollen

Also, ganz ehrlich: Ein Drittel Eigenlob zum Thema Erfolge seiner Regierungen und der Grünen an sich; ein weiteres Drittel paraphrasiert grüne Wahlprogramme; und ein Drittel stellt (s)eine konservative Idee des Erhaltens in den Vordergrund. Nicht  innovativ, aber das will Herr Kretschmann wohl auch gar nicht sein.

Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch, das möchte ich lesen!

von Thomas Koch

Takis Würger / Der Club

Ein deutscher Abiturient geht seiner Tante zuliebe nach Cambridge; studiert, wird Mitglied im Boxclub, soll für sie ein Verbrechen aufklären, das mit dem legendären Pitts Club zusammen hängt.

Es dauert eine Weile, bis man den Sinn dieser Aktion erahnt. Aber schon vorher kann man sich gegen den Sog, den dieser schmale Band entwickelt, nicht mehr wehren: Eine äußerst reduzierte, knappe  Sprache, schnelle Perspektivwechsel, eine sehr klare Struktur. Und ein sensationeller Plot! Ein Blick auf die Dekadenz, die Rücksichtslosigkeit  einer Elite, der sprachlos macht. Und wie weit Menschen gehen, um   -scheinbar-  dazu zu gehören. Ein wunderbares, ein großes kleines Buch, ein Autor, der es weit bringen wird. Das muss man gelesen haben.

Ich will in den Club!

von Thomas Koch

Wolf Haas / Junger Mann

Wolf Haas, der Schöpfer des Detektivs Simon Brenner, hat hier mal wieder einen Nicht-Krimi vorgelegt, ein Roadtrip vom Feinsten, Coming-of-Age, herrlich lakonisch. Und in dieser unvergleichlichen Haasschen Langsamkeit, diesem betörenden, in Trance versetzenden Sound:

Ein etwas dicklicher Bursche, gerade mal 13 Jahre alt, verfällt der superhübschen, anbetungswürdigen Gattin des Fernfahrers Tscho. Ein Grund rasch abzunehmen, radikal:  „Morgen wird’s ernst. […] Eine halbe Hühnerbrust und zwei mittelgroße Kartoffeln.“ Mit einem halben Löffel Leinöl …

Das Problem ist nur  -  der Fernfahrer will ihn auf eine Tour mitnehmen, weil er einen Dolmetscher braucht. Herrlich. Eine Zeitreise zurück in die frühen Siebziger. Ein wunderschönes Stück Literatur, so richtig geeignet, wenn rechts neben einem nicht der Rotwein steht, sondern der Milchkaffee mit einem schönen Stück Cremetorte. Ein toller Lesespaß!

Einmal Pubertät und zurück!

von Thomas Koch

David Schalko / Schwere Knochen

1938, Anschlusszeit in Österreich. Drei jugendliche Nachwuchsverbrecher rauben die Wohnung eines Promi-Nazis aus. Sie werden ermittelt und in Konzentrationslager gesteckt. Sie überleben und kommen raus, bar jeglicher menschlicher Hemmungen.

Schalko beschreibt nun den Aufstieg dieser Gangster und blickt dabei auf eine österreichische Nachkriegsgesellschaft; sein Blick ist wahrlich bitterböse, stellt die rekordverdächtige Heuchelei der Wiener Bevölkerung bloß, beschreibt die elende Schacherei zwischen den Besatzungsmächten. Ein veritables Großverbrecherepos, spannend wie Goodfellas oder  Once Upon a Time in America -  nur manchmal schwer zu lesen: die Sprache ist sehr fordernd, von alptraumartigen Bildern durchsetzt in einem ganz eigenartigen Sound gehalten. Was raucht der Mann? Aber, wenn man sich eingelassen hat, kommt auch dieser eigenartige Schauer, der Reiz des Finsteren  -  man fühlt und bangt mit dem mörderischen, wirklich bösen Protagonisten. Starker Tobak, tolles Buch.

Böse find‘ ich klasse!

von Thomas Koch

Bernhard Aichner / Bösland

Nachdem die sensationelle Triologie um "Die Bestatterin" beendet war, hat man sich schon gefragt, was dem Mann aus Innsbruck mit der durchaus schrägen Krimi-Phantasie wohl weiter einfallen wird. Nach diesem Buch kann man beruhigt aufatmen. Ihm sind die Ideen nicht ausgegangen.

Im neuen Buch wird z.T. mit Rückblenden die Lebensgeschichte eines Jungen erzählt, der als Mörder seiner Freundin nach unsäglicher psychiatrischer „Behandlung“ in die Freiheit entlassen wurde und versucht, diese Tat im stetigen Kontakt mit seiner Therapeutin aufzuarbeiten – er erinnert sich nämlich nicht mehr.

Wie bei dieser Art Buch üblich, kann man nicht mehr erzählen, ohne zukünftigen Lesern das Lesevergnügen zu nehmen. Es ist jedoch nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass es die eine oder andere Wendung  gibt, die man erahnen kann und ebenso Wendungen, die gelungen überraschen. Aichners Figuren sind unheimlich, die Geschichte ist unheimlich, einfach unheimlich gut.

Ein Lesevergnügen für einen langen Winterabend – man will es ja auch nicht weglegen.

Ich will die Gänsehaut!

von Thomas Koch

Antonin Varenne / Die sieben Leben des Arthur Bowmann

lag zwei Jahre auf meinem Arbeitstisch; in Folie verschweißt. Mal unter anderen Büchern vergraben, mal wieder wie von Zauberhand oben. Immer wollte es im Blickkontakt mit mir bleiben. Geduldig, stoisch. Ja, dieses Buch wusste, zu wem es gehörte.

Drei Tage vor dem Urlaub war ich dann soweit, Folie ab, aufgeklappt. Losgelesen. Die Welt um mich herum veränderte sich. Ich konnte praktisch nicht mehr aufhören.

Varennes Arthur Bowman ist die Wiedergeburt des klassischen, literarischen Abenteuerromans und der epischen Erzählung;  von Karl May und Friedrich Gerstäcker; von Jack London und B. Traven; von Foresters Hornblower und Coopers Lederstrumpf. Runderneuert, modernisiert, sensationell frisch.

Alle werden irgendwie im Buch zitiert, tauchen in Dialogen und kleinen Sequenzen auf. Und natürlich hat Varenne auch Kino geschaut: „Ein Mann, den sie Pferd nannten“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ konnte ich beim ersten Lesen erkennen.

Aber nein, die Rede ist nicht von einem Western. Nicht nur, jedenfalls. Der deutsche Titel trifft den Lebenszyklus unseres Helden vom Söldner der Ostindien-Kompanie bis zum Showdown an der amerikanischen Westküste recht gut. (Der Klappentext mit seinen Verweisen auf die Suche nach einem Serienkiller soll halt verkaufen.) Der französische Original-Titel (3000 PS) führt dann eher zu B. Traven und London, zu deren sozialkritischen Motiven im Abenteuer - was da mit Arthur Bowman alles passiert, ist der Welt passiert.

Es ist ein recht drastisch geschriebenes Buch, das kann wohl auch nicht anders sein, wenn Menschen zu Unmenschen werden und umgekehrt, wenn Unholde ihr Tun begreifen.

„Die sieben Leben des Arthur Bowman“ ist ein unfassbar spannendes Buch, voller überraschender Wendungen bis zum Schluss; ein Pageturner bis zur allerletzten Seite. Eine Wucht von einem Roman!

Her damit!

von Thomas Koch

Robert Seethaler / Das Feld

In seinem Roman „Ein ganzes Leben“ gab es eine Hauptperson, deren Leben von Anfang bis Ende erzählt wurde. In diesem, seinem neuesten Buch, erzählen viele Menschen ihre eigene Geschichte und damit die Geschichte eines Dorfes.

Ein Mann sitzt auf einer morschen Bank auf einem Friedhof und ist überzeugt, dass die Toten reden, wenngleich er sie nicht verstehen kann, aber er malt sich aus, wie es wäre, wenn jede Stimme Gelegenheit hätte, über das Leben zu sprechen.

Manche fassen sich sehr kurz, manche erzählen ausufernd; es gibt also Menschen, die nur Episoden berichten, manche dagegen legen fast eine Lebensbeichte ab.

Die Zusammenhänge ergeben sich erst nach und nach, man muss auch das eine oder andere Mal zurückblättern, aber wie immer findet Seethaler eine wunderbare Sprache für seine Figuren, am Schluss erhält auch der alte Mann auf der Bank eine Namen und gehört dann auch zu den Toten.

Scheitern und Erfolg der erzählenden Personen werden zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlichen Zusammenlebens.

Nicht jeder mag Seethalers ruhigen Ton, seine Unaufgeregtheit, Gelassenheit. Aber wer sich hineinfallen lässt, wer sich einfach tragen lässt, der wird ein großes Lesevergnügen finden.

Die Ruhe habe ich!