von Thomas Koch

Bernhard Aichner / Bösland

Nachdem die sensationelle Triologie um "Die Bestatterin" beendet war, hat man sich schon gefragt, was dem Mann aus Innsbruck mit der durchaus schrägen Krimi-Phantasie wohl weiter einfallen wird. Nach diesem Buch kann man beruhigt aufatmen. Ihm sind die Ideen nicht ausgegangen.

Im neuen Buch wird z.T. mit Rückblenden die Lebensgeschichte eines Jungen erzählt, der als Mörder seiner Freundin nach unsäglicher psychiatrischer „Behandlung“ in die Freiheit entlassen wurde und versucht, diese Tat im stetigen Kontakt mit seiner Therapeutin aufzuarbeiten – er erinnert sich nämlich nicht mehr.

Wie bei dieser Art Buch üblich, kann man nicht mehr erzählen, ohne zukünftigen Lesern das Lesevergnügen zu nehmen. Es ist jedoch nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass es die eine oder andere Wendung  gibt, die man erahnen kann und ebenso Wendungen, die gelungen überraschen. Aichners Figuren sind unheimlich, die Geschichte ist unheimlich, einfach unheimlich gut.

Ein Lesevergnügen für einen langen Winterabend – man will es ja auch nicht weglegen.

Ich will die Gänsehaut!

von Thomas Koch

Antonin Varenne / Die sieben Leben des Arthur Bowmann

lag zwei Jahre auf meinem Arbeitstisch; in Folie verschweißt. Mal unter anderen Büchern vergraben, mal wieder wie von Zauberhand oben. Immer wollte es im Blickkontakt mit mir bleiben. Geduldig, stoisch. Ja, dieses Buch wusste, zu wem es gehörte.

Drei Tage vor dem Urlaub war ich dann soweit, Folie ab, aufgeklappt. Losgelesen. Die Welt um mich herum veränderte sich. Ich konnte praktisch nicht mehr aufhören.

Varennes Arthur Bowman ist die Wiedergeburt des klassischen, literarischen Abenteuerromans und der epischen Erzählung;  von Karl May und Friedrich Gerstäcker; von Jack London und B. Traven; von Foresters Hornblower und Coopers Lederstrumpf. Runderneuert, modernisiert, sensationell frisch.

Alle werden irgendwie im Buch zitiert, tauchen in Dialogen und kleinen Sequenzen auf. Und natürlich hat Varenne auch Kino geschaut: „Ein Mann, den sie Pferd nannten“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ konnte ich beim ersten Lesen erkennen.

Aber nein, die Rede ist nicht von einem Western. Nicht nur, jedenfalls. Der deutsche Titel trifft den Lebenszyklus unseres Helden vom Söldner der Ostindien-Kompanie bis zum Showdown an der amerikanischen Westküste recht gut. (Der Klappentext mit seinen Verweisen auf die Suche nach einem Serienkiller soll halt verkaufen.) Der französische Original-Titel (3000 PS) führt dann eher zu B. Traven und London, zu deren sozialkritischen Motiven im Abenteuer - was da mit Arthur Bowman alles passiert, ist der Welt passiert.

Es ist ein recht drastisch geschriebenes Buch, das kann wohl auch nicht anders sein, wenn Menschen zu Unmenschen werden und umgekehrt, wenn Unholde ihr Tun begreifen.

„Die sieben Leben des Arthur Bowman“ ist ein unfassbar spannendes Buch, voller überraschender Wendungen bis zum Schluss; ein Pageturner bis zur allerletzten Seite. Eine Wucht von einem Roman!

Her damit!

von Thomas Koch

Robert Seethaler / Das Feld

In seinem Roman „Ein ganzes Leben“ gab es eine Hauptperson, deren Leben von Anfang bis Ende erzählt wurde. In diesem, seinem neuesten Buch, erzählen viele Menschen ihre eigene Geschichte und damit die Geschichte eines Dorfes.

Ein Mann sitzt auf einer morschen Bank auf einem Friedhof und ist überzeugt, dass die Toten reden, wenngleich er sie nicht verstehen kann, aber er malt sich aus, wie es wäre, wenn jede Stimme Gelegenheit hätte, über das Leben zu sprechen.

Manche fassen sich sehr kurz, manche erzählen ausufernd; es gibt also Menschen, die nur Episoden berichten, manche dagegen legen fast eine Lebensbeichte ab.

Die Zusammenhänge ergeben sich erst nach und nach, man muss auch das eine oder andere Mal zurückblättern, aber wie immer findet Seethaler eine wunderbare Sprache für seine Figuren, am Schluss erhält auch der alte Mann auf der Bank eine Namen und gehört dann auch zu den Toten.

Scheitern und Erfolg der erzählenden Personen werden zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlichen Zusammenlebens.

Nicht jeder mag Seethalers ruhigen Ton, seine Unaufgeregtheit, Gelassenheit. Aber wer sich hineinfallen lässt, wer sich einfach tragen lässt, der wird ein großes Lesevergnügen finden.

Die Ruhe habe ich!

von Thomas Koch

Wolfram Fleischhauer / Das Meer

Vor dem Hintergrund zweier Liebesgeschichten werden die Folgen des steigenden Fischkonsums der Menschen ausgebreitet.

Überfischung in den ausgewiesenen Fanggebieten ist nur die für alle sichtbare Seite (wenn man hinschaut). Der brutale und verbrecherische Teil der Fischindustrie spielt sich jedoch längst in den Gebieten ab, in denen eigentlich gar nicht gefischt werden darf. Die Rücksichtslosigkeit der Protagonisten, die Ausbeutung neuzeitlicher Sklaven, werden gegen die durch die politischen Prozesse der Europäischen Union gehemmten Versuche, das Verderben einzudämmen, gestellt.

Umweltaktivisten ersinnen einen Weg, der Fischmafia das Handwerk zu legen, der ebenso einleuchtend wie radikal ist.

Und das alles führt wieder zu den Liebesgeschichten und wird auch noch zu einem Ende gebraucht, mit dem der Leser leben kann. Eine gelungene Mischung aus Aktualität (was macht der Mensch mit der Erde), Politik (wie halten es die Menschen in diesen Gremien nur aus?) und rasantem Pageturner. Fleischhauer schafft es immer wieder, die Skandale um die Mächtigen zu spannenden, zu super lesenswerten Thrillern zu formen! Das verbessert die Welt vielleicht nicht, aber es öffnet Augen.

Als Literatursüchtiger und Buchhändler hoffe ich nur, dass Fleischhauer demnächst einen Thriller über die Sauereien um das Urheberrecht schreibt!

Lieber das als Dosenfisch!

von Thomas Koch

Fredrik Sjöberg / Vom Aufhören - Über die Flüchtigkeit des Ruhms

Dieser Schwede schafft es mit jedem neuen Buch, seine Leser zu überraschen; auch deswegen verschlinge ich alles von ihm. Wobei, verschlingen trifft es nicht, es ist eher ein gemächliches stetiges Lesen, fast wie in Trance. Immer spürt er Randpersonen der Geschichte nach, gräbt Unglaubliches, scheinbar total Banales, aus - und verknüpft es mit klugen Überlegungen über unsere menschliche Existenz.

In diesem Buch forscht er zwei nahezu vergessenen schwedischen Malern nach und reflektiert darüber, was nun Scheitern sei und wer das wohl bestimmt: der Gescheiterte, der das nicht so empfindet? Oder eine „Gesellschaft“, die nicht bekommt, was sie will?

Sehr sehr klug und noch viel lesenswerter; ein bisschen skurril, aber nur ein bisschen. Und Achtung: hohe Suchtgefahr! (Wer sich dann den Rosinenkönig kauft, ist für immer verloren.)

Muss ich haben!

von Thomas Koch

Wolfgang Hegewald / Lexikon des Lebens

Hegewald, in der DDR aufgewachsen, offiziell noch weit vor "89", ausgereist, beschreibt sein Leben in vielen kleineren und größeren Vignetten, Skizzen, hüben wie drüben, unter verschiedenen Namen. Eine unterschätzte literarische Trouvaille: Eine (Auto)biografie als Mosaik, in alphabetischer Reihung wie die Vornamen unseres Helden, eine richtig schöne Caprice.

Dahinter verbirgt sich aber ein klarer und urteilender Blick auf das Geschehen in der DDR, und, für uns Leser noch relevanter: ein klares, gelegentlich vernichtendes Urteil über die verklärenden, modischen, ach so wichtigen Bücher, wie es angeblich wirklich war. Mit kurzen, lakonischen Schilderungen demontiert er den Blick durch die rosa Brille. Das Ganze übrigens ungemein vergnüglich, durch den ungewöhnlichen Aufbau herrlich zum Schmökern geeignet - aber, da will ich gern beunruhigen: so interessant und spannend, das man nicht so recht von los kommt. Eine Lektüre für diese elenden DDR-Romantisierer: es war schrecklich. Aber was für ein Spaß, das Buch zu lesen!

Das MUSS ich haben!

(An diesem Link kann übrigens die wunderbare Intelligenz von Algorithmen und Maschinen erkennen: Dieses Buch heißt im Titel Lexikon, also wird es unter Nachschlagewerken rubriziert. Einfach Quatsch! Bullshit.)

von Thomas Koch

Eric Vuillard / Die Tagesordnung

Unser Blick auf Geschichte, auf die Weltläufte, ist ja geprägt durch Zusammenfassungen und „Zahlen & Fakten“. Seltener schon durch Biografien, die wir ja doch mehr als die Lebensläufe Einzelner lesen. Stachs wunderbare dreibändige Kafka-Biografie gibt so einen Eindruck, wie man Geschichte auch sehen kann. Fantastisch auch der Film „Die dunkle Stunde“. Aber Die Tagesordnung schlägt das alles. Wie konnten die Nazis so schnell und radikal an die Allmacht kommen?

In lakonischer Kürze, in drastischer Verengung der Sicht auf wenige Spieler und Gegenspieler, auf wenige willige Mitläufer und unvermeidliche Schwächlinge, zeichnet Vouillard ein finsteres Bild des Beginnes einer finsteren Epoche. Und das in nachgerade unfasslicher Lesefreundlichkeit. Ein Meisterwerk. Eigentlich Pflichtlektüre für den Geschichtsunterricht, für jeden an Politik Interessierten. Für jeden, der mit Sorge sieht, was gerade bei uns passiert.

Das muss ich haben!