von Thomas Koch

Charlotte Seeling / Mode

Seeling schreibt über den Beginn der Mode, über die frühen herausragenden Protagonisten der Szene, sehr interessant, kurzweilig und informativ. Das Wesentliche, ja das Tolle an dem Buch sind jedoch eindeutig die Fotos, sowohl die persönlichen der im Einzelnen vorgestellten Designer wie auch die Modephotographien. Egal, ob man einer gewissen Chronologie folgt, die einzelnen Kapitel als Schwerpunktthemen annimmt oder einfach nach Lust und Laune blättert: wer an dem Thema Spaß hat (und wer hat das heute nicht!), dem wird dieses Buch gefallen. Auch nach dem Urlaub nimmt es sich übrigens auf dem Coffee Table super aus!

Her damit

von Thomas Koch

Lee Child / Jack Reacher

Ich muss an dieser Stelle mal ein Bekenntnis niederschreiben: Ich bin Jack-Reacher-Fan. Lee Childs Thriller um den Militärpolizei-Veteranen lassen mich nicht mehr los. Dieser physisch im besten Karl-Mayschen Sinne idealisierte Held fasziniert mich irgendwie. Seine entschlossene, skrupellose Art, Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen - zum Glück sind es nur Romane!

Aber was für welche! Bei mir begann alles mit diesem Buch: WESPENNEST.

Ich hatte kurz vorher eine Besprechung eines Filmes mit Tom Cruise gelesen (Sniper); moniert wurde vor allem, dass Cruise mit seinen knapp 1,70 der Romanvorlage, einem wahren Hünen, nicht gerecht werde und deshalb Jack-Reacher-Fans dem Film fern blieben. (Später habe ich den Film auch gesehen - es stimmt!) Ja, und dann fällt mir dieses Buch in die Hände – hier der Klappentext:

„Ein angeschlagen und ungelenk wirkender Mann betritt die Bar eines Motels in Nebraska: Es ist Jack Reacher. Dort bekommt er zufällig mit, dass der Dorfarzt einen Notruf entgegennimmt, sich jedoch weigert, der Anruferin zu helfen. Kurzerhand zwingt Reacher ihn dazu, seine Pflicht zu erfüllen – und lernt eine Frau kennen, die nicht zum ersten Mal von ihrem Mann verprügelt wurde. Er stellt den Schläger im örtlichen Steakhouse und löst damit eine Lawine aus. Denn der Schläger ist niemand anderes als einer der Duncan-Brüder. Seit Jahren führen sie mit eiserner Faust ein Regime der Einschüchterung und der erpresserischen Ausbeutung …“

Schon zwei Tage später begann ich meine Sammlung mit dem Band 1. (Wer Interesse an Details zur Reihe hat - bitte kurze Mail oder Post auf meiner Facebook-Seite)

Was meiner Meinung nach so herausragend an der Reihe ist? Der unsentimentale Blick in die Abgründe unserer Gesellschaft, insbesondere der amerikanischen. Im Kern sind die Geschichten sehr politisch, gelegentlich hochmoralisch – und werden so wunderbar balanciert durch den nicht im Geringsten zimperlichen Held, der forscht und aufklärt, nötigenfalls prügelt und mordet und gewissermaßen die Drecksarbeit macht. Diese etwas totalitär anmutende Idee ist natürlich nicht neu, John Wayne und Dirty Harry lassen grüßen; neu ist aber die nachgerade süchtig machende Umsetzung. Bekennend konservativ, bestechend intellektuell, aber super spannend. Ich kenne kaum was Besseres in diesem Genre.

Eine kleine Auswahl:

Wespennest

Der besagte Sniper

Band 1

Der aktuelle

von Thomas Koch

Petros Markaris / Zurück auf Start

Das Thema Griechenland wird uns ja nun noch eine zeitlang nicht loslassen - da ist es vielleicht einmal interessant, eine viel gelobte und anerkannte, vor allem aber: griechische Stimme zu diesem Thema zu hören? Petros Markaris und sein Athener Kommissar Charitos sind für einen spannenden Plot immer gut, zudem erfährt man allerlei über hellenische Strukturen und Befindlichkeiten. Sollten Sie etwa Vorurteile hegen? - Markaris, ein bekennender Pro-Europäer und galliger Kritiker griechischer Politiker und ihrer Realitätsverweigerung, wird viele bestätigen:

„Der Deutschgrieche Andreas Makridis wird erhängt in seiner Athener Wohnung aufgefunden. Kurz darauf behauptet ein Schreiben, es handle sich um Mord. Unterzeichnet: »Die Griechen der fünfziger Jahre«. Was wie ein schlechter Scherz aussieht, ist blutiger Ernst: Weitere Tote folgen. Wer verbirgt sich hinter dieser ominösen Gruppierung? Verrückte alte Leute, die eine Rückbesinnung auf die Werte von damals fordern? Zurück zur Drachme? Der neue Fall führt Kostas Charitos kreuz und quer durch eine Stadt, die von Tag zu Tag gefährlicher wird. Das muss der Kommissar auch privat erfahren: Seine Tochter Katerina wird von einem Neonazi der »Goldenen Morgenröte« zusammengeschlagen – mitten im Zentrum, am helllichten Tag.“

Markaris‘ Krimis sind ein wenig konventionell, aber immer unterhaltend. Und sein Athen ist echt spannend!

Ich bin gespannt

von Thomas Koch

Karine Tuil / Die Gierigen

Die Geschichte eines Lebens bzw. eines Lebenserfolges unter falscher Identität ist in der Literatur nichts Neues. Das besondere an diesem Buch ist die Beziehung zwischen dem „Dieb“ und dem „Bestohlenen“ und die Art, wie die Zweier-Beziehung, die natürlich eine Dreier-Beziehung ist, aufgerollt wird.

Man will immer wissen, wie der einzelne Handlungsstrang weitergeht. Die Autorin versteht es, einen Sog in der Geschichte aufzubauen.

Die Auflösung der Geschichte hält zwar mit dem Tempo und der Energie, wie sie zuvor aufgebaut wurden, nicht ganz mit – dennoch ein spannendes und super durchkomponiertes Buch.

Danke für den Tipp

von Thomas Koch

Martin Suter / Montecristo

Diese Geschichte, die man natürlich nicht kurz zusammenfassen kann, ohne das Lesevergnügen zu zerstören, spielt am Finanzplatz Schweiz und ist so ein typischer Fall von „soweit würden die doch nicht gehen, oder?“. Das heißt, man schwankt immer zwischen der Überlegung, dass das alles völlig überzogen sei und dem Grauen, es könnte doch real sein.

Auch wenn die handelnden Personen, die sich um die Aufklärung der seltsamen Vorkommnisse bemühen, nicht immer einer verständlichen Logik folgen, wird das Ganze plausibel aufgelöst. Martin Suter hat sich hier Gott sei Dank von den Almen-Romanen gelöst und erzählt wieder einfach eine gute Geschichte.

Muss ich haben!

von Thomas Koch

Martin Walker / Provokateure

Bruno, Chef de Police, ist ja inzwischen ein alter Bekannter mit einer eigenen Geschichte neben den zu lösenden Fällen. Diese wird auch im neuen Buch weiter geführt, wenngleich ein wenig unentschlossen, als wisse der Autor selbst nicht, wohin sich das entwickeln will.

Die kriminalistische Geschichte des Buches ist dagegen wie immer mit aktuellen Bezügen (in diesem Band wirklich gut gelungen) und Anknüpfungen in der Vergangenheit durchkomponiert.

Grundsätzlich also nichts Innovatives, wer aber die Geschichten aus dem Perigord mag, wird auch an dieser sein (auch kulinarisches!) Lesevergnügen finden.

Da habe ich Appetit drauf

von Thomas Koch

Rainer Stach / Kafka – Die frühen Jahre

Kürzlich hatte ich das große Vergnügen, Rainer Stach selbst zum dritten Teil seiner Kafka-Biografie „Die frühen Jahre“ sprechen zu hören. Das Werk ist ja ein bisschen wie Star Wars: Band 3 kam zuerst, und jetzt, zum Schluss, keine Koketterie, sondern der Recherche geschuldet, der Beginn. In seiner opulenten Gesamtheit sehen wir hier ein neues Standardwerk über Kafka.

Das aber vergnüglich zu lesen ist! Insbesondere Band 3 ist es ein fantastisches Buch, ein Roman von einer Biografie, spannend, ergreifend. Und viel mehr als eine Biografie Kafkas, eigentlich eine Biografie Prags, ein Gemälde einer Zeit im Umbruch. Wir begreifen, wie es zum Dreißigjährigen Krieg kommen konnte, was den Boden für den Ersten Weltkrieg bereitete. Und das Ganze macht, bei aller ausgeprägter (!) Weitschweifigkeit, einen vorzüglichen Spaß beim Lesen. Stach scheint nicht nur alles zu wissen, er kann es auch virtuos schildern. Irgendwie schien er dabei gewesen zu sein. (Weite Teile des Buches hatte ich übrigens schon vor dieser Veranstaltung gelesen, die Begeisterung ist also echt!)

Es gibt ja diese sanft mäanderndes Biografien, die immer Kurs halten, vielleicht mal hier, mal da kurz inne halten, dann weiter in Richtung Ziel.

Nicht so Stach: Er ist mehr so der Typ, der Steinchen in den See wirft: kleine kreisrunde Wellen, die sich immer weiter ausbreiten. Je größer der Stein, desto weiter reicht die Welle. Da kann es schon passieren, dass man unmittelbar nach Kafkas Geburt luzide Informationen zum Prager Fenstersturz bekommt; der Jüngling Kafka geht gern Schwimmen und wir erfahren viel über die tiefenpsychologische Bedeutung dieser Ertüchtigung. Ich hätte ja gedacht: der schwimmt halt gern. Ach was, weit gefehlt. Aber: Lesen Sie lieber selbst! Sprachlich ist diese Biografie ein Genuss, historisch erhellend, und, wer Kafka mag, der …

… muss das Buch sowieso haben.