von Thomas Koch

Michael Maar / Die Schlange im Wolfspelz

Über das Buch: Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? In fünfzig Porträts entfaltet er eine Geschichte der deutschen Literatur.

Jurybegründung: Ein Zirkeltraining der Sprache, ein Boot Camp des Geistes, eine Schule der Achtsamkeit: Michael Maar hat mit „Die Schlange im Wolfspelz“ einen mit vielen Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur illustrierten Großessay über guten Stil geschrieben. Maars Spezialität: das Rühmen. Ob er Marie Ebner-Eschenbach „wegen des unverklärenden, antiidyllischen Naturalismus, wegen der Schärfe ihrer Psychologie und der ihres Gehörs“ preist oder Theodor Fontanes Fähigkeit beklatscht, „die Welt ganz im Gespräch aufgehen zu lassen“, Maar analysiert und argumentiert überzeugend. Ein Buch, mit dem man schreiben und denken lernen kann.

Leseprobe: Schlechten Stil zu beschreiben ist relativ leicht. Man kann den Finger darauf legen, was platt ist, wo es holpert, wo es schief ist, wo grau und abgenutzt. Viel schwieriger ist es beim guten Stil. Jeder Stil für sich ist eigen, eben das ist seine Definition. Eine generelle Regel verbietet sich. Die originellste Bestimmung stammt dabei von Kafka. Der Stil, die Individualität der Schriftsteller bestehe darin, daß jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdecke.

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von Thomas Koch

Heike Behrend / Menschwerdung eines Affen

Über das Buch: Heike Behrends Bericht über ihre ethnografischen Forschungen in Kenia und Uganda ist keine heroische Erfolgsgeschichte, sondern erzählt von dem, was in den herkömmlichen Ethnografien meist ausgeschlossen wird – die unheroischen Verstrickungen und die kulturellen Missverständnisse, die Konflikte, Fehlleistungen sowie Situationen des Scheiterns in der Fremde.

Jurybegründung: Die Afrikanistin Heike Behrend legt eine ethnografische Erkundung des Fremdseins vor, was an andere große Werke ihrer Disziplin erinnert – doch hier dienen nicht Notizen über die Anderen, sondern autobiografische Protokolle als Ausgangsmaterial. Den afrikanischen Gruppen nämlich, welche die deutsche Forscherin besucht, erscheint sie zu Beginn mal als Ding, mal als Affe, manchmal beinahe gar als Mensch. Wir lernen, wie unverzichtbar Missverständnisse für den Forschungsprozess sind und dass die Ausgrenzung von „Eindringlingen“ viele Formen annehmen kann, sich aber mit gegenseitiger Geduld und gutem Willen immer wieder auch überwinden lässt. Ein Buch mit hohem theoretischem Anspruch, Brisanz für den postkolonialen Diskurs sowie die Migrationsdebatte, vergnüglich lesbar und voller Überraschungen.

Leseprobe: Der Affe, der Mensch werden will, bin ich, eine (Berliner) Ethnologin. »Affe« nannten mich die Bewohner der Tugenberge im Nordwesten Kenias, als ich 1978 zu ihnen kam. »Affe«, »Närrin« oder »Clown«, »Hexe«, »Spionin«, »satanischer Geist« und »Kannibale« waren Namen, die mir auch auf späteren Forschungen in Ostafrika gegeben wurden. Über diese ethnografischen Forschungen möchte ich hier berichten.

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von Thomas Koch

Asal Dardan / Betrachtungen einer Barbarin

Über das Buch: Als Kind iranischer Eltern ist Asal Dardan in Deutschland aufgewachsen, die Erfahrung des Exils hat sie geprägt. Dieses Buch dokumentiert ihre Suche nach der Überbrückung des ewigen Gegensatzes von „Wir“ und den „Anderen“.

Jurybegründung: Die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan, in Teheran geboren, in Deutschland erwachsen geworden, schreibt über das Mensch-Sein: über Grunderfahrungen wie Migration, Flucht, Reisen und die Fremde. Dardan erzählt von vermeintlich uralten Familientraditionen, die man tatsächlich doch erst neu erlernen muss, und von rückwärtsgerichteten Etiketten, die einfach nicht passen, von Elternsprachen, die einem entgleiten und neuen Familien, die einem erwachsen. Scheinbar mühelos schlägt ihr eleganter Essay den Bogen von Land zu Land und Generation zu Generation, immer stilsicher, über Sprache reflektierend und mit ihr spielend. Damit eröffnet die Autorin nicht zuletzt auch eine wunderbare Alternative zu jenen starren Identitätsdiskursen, die Menschen fesseln, anstatt sie zu befreien.

Leseprobe: Im Grunde hatte ich eine idyllische Kindheit, auch wenn die Hochhäuser von Höhenberg nicht die klassische Kulisse dafür sind. Aber ich dachte nicht viel über mein Leben nach, ich war, und bloß sein zu können kommt einer Idylle sehr nahe. Wenn man sie nicht wahrnimmt, kann Enge sehr gemütlich sein, gerade als Kind. Ich hatte die gleiche rosa Tapete mit weißen Punkten wie Ernie aus der Sesamstraße, und ich fand es aufregend, die Tüten in den Müllschlucker zu werfen und dann in den knarzenden Aufzug zu springen. Alles befand sich an seinem Platz, und mein eigener Platz befand sich im Zentrum von allem. Erst viel später machte sich bemerkbar, dass mir die materiellen und symbolischen Anhaltspunkte fehlten, um mich und meine Eltern in dieser Welt zu verorten.

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von Thomas Koch

Jürgen Kaube / Hegels Welt

Über das Buch: Die Welt ändert sich während der Lebensjahrzehnte Georg Wilhelm Friedrich Hegels von Grund auf. Und zwar durch Ideen, die zu Revolutionen führten: politische, industrielle, ästhetische und pädagogische. Jürgen Kaube erzählt Hegels Leben, erläutert sein Werk und zeigt, wie jene epochalen Umbrüche zum Versuch einer letzten Revolution führen: der des Denkens.

Jurybegründung: Hegel wurde oft in Krisenzeiten zur Lektüre herangezogen, auch gegenwärtig wieder; ist doch unser Gesellschafts- und Staatsverständnis ganz wesentlich von diesem Denker am Übergang zu einer neuen Epoche geprägt. Hegel, so zeigt Jürgen Kaube in seiner monumentalen Biografie des Philosophen, erfuhr die Zerrissenheit der modernen Gesellschaft als grundlegend. Kaube fächert uns den Geist der Moderne im Spiegel von Hegels Leben und Schaffen auf. Wer seinem analytischen Blick folgt, entdeckt nicht nur Hegels welthaltiges Werk, das alles Neue zu entschlüsseln sucht, sondern lernt einen fragenden Philosophen kennen, der sich in seinem Denken radikal den Widersprüchen stellt. Wie leichtfüßig, elegant und manchmal ironisch dieses Buch uns die hegelsche Möglichkeit zur Freiheit nahe bringt, ist virtuos und lehrreich.

Leseprobe: Fast möchte man meinen, dass sich erstmals in der Geschichte überhaupt «Welt» als sinnvoller Begriff für eine Wirklichkeit abzeichnet, die nicht nur von einem überirdischen Beobachter überblickt werden kann, sondern auch für den Menschen erreichbar ist. Erreichbar und nicht nur imaginierbar, weil alles expandiert, die Einbildungskraft wie das Wissen, die politischen Ambitionen wie das technische Vermögen. Zunehmend scheint auf dem Erdball alles mit allem zusammenzuhängen.

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von Thomas Koch

Andreas Kossert / Flucht

Über das Buch: Andreas Kossert stellt die Flüchtlingsbewegung des frühen 21. Jahrhunderts in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Immer nah an den Einzelschicksalen zeigt Kossert, welche existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Anfeindung mit dem Verlust der Heimat einhergehen. Ob sie aus Ostpreußen, Syrien oder Indien flohen: Flüchtlinge sind handelnde Personen der Weltgeschichte.

Jurybegründung: Wer flieht, der verliert – Heimat, Hab und Gut, lange gewachsene soziale Kontakte und ein Stück weit auch die Kontrolle über das eigene Leben. Flüchtlinge teilen diese Erfahrung, wissen um die Schwierigkeiten des Neuanfangs und die Vorbehalte der Immer-Schon-Dagewesenen, die sich aus der Furcht speisen, selbst einmal eben so viel verlieren zu können wie die Geflohenen. Der Historiker Andreas Kossert hat sich in die Perspektive der Flüchtenden eingearbeitet, hat ihre Geschichten von der Vormoderne bis in die Gegenwart gesammelt, hat außer historischen Quellen auch berührende literarische Zeugnisse von Betroffenen zusammengetragen. Empathie, Stilgefühl, ein langer Atem und ein unaufgeregter Blick auf die aktuellen Debatten rund um Aus- und Einwanderung zeichnen diesen großen Wurf aus.

Leseprobe: Geschichten vom erzwungenen Fortgehen, von den gefährlichen Fluchtrouten, vom Ankommen, von Heimweh, Anpassung, Schweigen, von Tabus und Traumata gibt es in allen Sprachen, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Fremd zu sein ist eine Erfahrung, die Menschen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten gemacht haben und machen. Es ist ein Schicksal, das ihnen von anderen aufgezwungen wird. Der Flüchtling ist ein Entwurzelter, den der Schatten der Erinnerung niemals verlässt, der ihn manchmal sogar über den Tod hinaus begleitet.

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von Thomas Koch

Daniel Leese / Maos langer Schatten

Über das Buch: Wie kann sich eine Diktatur mit dem Erbe von Unrecht und Staatsverbrechen auseinandersetzen, die unter ihrer Herrschaft begangen wurden? Mit dieser Frage sah sich die Kommunistische Partei Chinas nach dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 konfrontiert. Gestützt auf bislang unbekannte Dokumente entwirft Daniel Leese ein Panorama der chinesischen Politik und Gesellschaft in der kritischen Umbruchphase zwischen 1976 und 1987.

Jurybegründung: In großen historischen Umbruchssituationen werden Recht und Unrecht neu definiert, die Rollen von Täter*innen und Opfern neu verteilt. Daniel Leese beschreibt das Jahrzehnt nach Maos Tod als Gratwanderung zwischen juristischer Aufarbeitung, Reparation und erneuter Repression. Am Sonderfall Chinas behandelt er große, zeitlose Fragen des Umgangs mit historischer Schuld, die an Aktualität nichts verloren haben. Das Buch ist ebenso anschaulich wie scharfsinnig, akribisch wie souverän - eine historiographische Meisterleistung.

Leseprobe: Die Radiomeldung war kurz gehalten. Es wurde verlautbart, dass Mao Zedong trotz bester medizinischer Versorgung um zehn Minuten nach Mitternacht gestorben sei. Der Hinweis auf die ärztlichen Leistungen sollte Verschwörungstheorien unterbinden, wie sie Stalin in den letzten beiden Jahren vor seinem Tod hatte verbreiten lassen, als er gezielt in Umlauf bringen ließ, jüdische Mediziner hätten im Rahmen eines «Ärztekomplotts» sowjetischen Führern nach dem Leben getrachtet.

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von Thomas Koch

Christoph Möllers / Freiheitsgrade

Über das Buch: Bei seinem Versuch, den Liberalismus auf die Höhe der Zeit zu bringen, versucht Christoph Möllers, Formen einer Ordnung herauszupräparieren, die Bewegungsfreiheit und soziale Varianz ermöglicht. So gerüstet, verspricht er keine Antworten, aber neue Perspektiven auf diverse Phänomene wie die Funktion territorialer Grenzen. Freiheit, so Möllers, ist eine Praxis der Ergebnisoffenheit, die Prozesse ermöglicht, von denen unklar sein muss, wohin sie führen.

Jurybegründung: Christoph Möllers analysiert die Abstufungen des Freiheitsbegriffs und nennt sie Freiheitsgrade. Seine Philosophie des Rechts schließt Überlegungen dazu ein, wie das Recht ausgelegt wird und welche Folgen das hat. Bravourös und fundiert erinnert Möllers an den demokratischen Kontext von Rechtsauffassung und daran wie Freiheit wirkt, d. h. Freiheit ist nicht naturgegeben, sondern immer schon ein Phänomen der gesellschaftlichen Zuweisung. Wo bleibt die Individualität? Wie kann der Liberalismus funktionieren? Möllers plädiert für eine Neubestimmung des Liberalismus, denn allein diese Neujustierung kann sich den Herausforderungen der Zukunft im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit und ökologische Perspektiven stellen. Eine starke These für eine notwendige und dringliche Debatte.

Leseprobe: Der Umgang mit dem Begriff Liberalismus ist auch deswegen schwierig, weil er nicht nur historisch, sondern auch kulturell, sowohl diachron als auch synchron, so verschieden gebraucht wird. Richten sich die rechten Kritiker des Liberalismus ebenso gegen amerikanische Linke, die sich »liberals« nennen, wie gegen neoliberale Ökonomen, gegen Bernie Sanders wie gegen Friedrich August von Hayek? Teilen diese beiden gehaltvolle politische Inhalte?

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