von Thomas Koch

Josef H. Reichholf / Schmetterlinge - Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet

Der berühmte und geehrte Zoologe, Vogelkundler, Wissenschaftsvermittler schreibt über das Versagen der Landwirtschaft und der Politik, zeigt in bewundernswert zauberischem Ton die Zusammenhänge in unserem Ökosystem. Er schreibt so schön über dieses grausliche Thema, man ist zugleich fasziniert und empört: auch Ökobauern sind keine Bewahrer; nein, die Hoffnung liegt in den Städten und - beim Wähler. Bei uns!

Ein wunderbares, ein wichtiges Buch. Wir müssen etwas ändern in diesem Land, in Europa, in unserem Verhalten.

Das muss ich lesen!

von Thomas Koch

Takis Würger / Stella

Das nächste Buch nach einem überragend erfolgreichen Debüt ist wohl immer das schwerste. Plötzlich wird eine große Elle angelegt, akribisch nach Fehlern oder Aussetzern gefahndet  -  der Kritiker ist nicht unvoreingenommen. Ich auch nicht, konnte ich mich doch der Vielzahl der Rezensionen nicht entziehen. Mein persönliches Fazit: Der Vorwurf des Tabubruches ist albern. Natürlich kann heute ein literarischer Autor über eine jüdische Sünderin schreiben  -  denn das ist die Geschichte: Stella Goldschlag gab es wirklich, sie verriet Juden an die Nazis, um ihre eigene Haut zu retten. Würger sympathisiert nicht mit ihr; er schreibt lediglich was er glaubt, was und wie es geschehen sei. Und da begeht er Fehler, denn es ist wohl doch so, dass er schlecht bzw. unzureichend recherchiert hat; dass er spätere Äußerungen Goldschlags nicht berücksichtigt hat. Dass er das Thema Folter und was sie mit dem Opfer macht, marginalisiert, das „Böse in ihr“ aber erhöht. Das ist unverzeihlich.

Tatsache ist aber auch, dass sein Erstling „Der Club“

(Link zur ersten Rezension)

 

dichter, packender, schlicht wuchtiger und besser ist.

Also: Stella ist schon lesenswert (vor allem, wenn man nach einem Small-Talk-Thema sucht), aber vorher gibt’s wichtigere, spannendere und innovativere Bücher!

Ich probier´s.

von Thomas Koch

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht das Newsletterteam.

von Thomas Koch

Winfried Kretschmann / Worauf wir uns verlassen wollen

Also, ganz ehrlich: Ein Drittel Eigenlob zum Thema Erfolge seiner Regierungen und der Grünen an sich; ein weiteres Drittel paraphrasiert grüne Wahlprogramme; und ein Drittel stellt (s)eine konservative Idee des Erhaltens in den Vordergrund. Nicht  innovativ, aber das will Herr Kretschmann wohl auch gar nicht sein.

Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch, das möchte ich lesen!

von Thomas Koch

Takis Würger / Der Club

Ein deutscher Abiturient geht seiner Tante zuliebe nach Cambridge; studiert, wird Mitglied im Boxclub, soll für sie ein Verbrechen aufklären, das mit dem legendären Pitts Club zusammen hängt.

Es dauert eine Weile, bis man den Sinn dieser Aktion erahnt. Aber schon vorher kann man sich gegen den Sog, den dieser schmale Band entwickelt, nicht mehr wehren: Eine äußerst reduzierte, knappe  Sprache, schnelle Perspektivwechsel, eine sehr klare Struktur. Und ein sensationeller Plot! Ein Blick auf die Dekadenz, die Rücksichtslosigkeit  einer Elite, der sprachlos macht. Und wie weit Menschen gehen, um   -scheinbar-  dazu zu gehören. Ein wunderbares, ein großes kleines Buch, ein Autor, der es weit bringen wird. Das muss man gelesen haben.

Ich will in den Club!

von Thomas Koch

Wolf Haas / Junger Mann

Wolf Haas, der Schöpfer des Detektivs Simon Brenner, hat hier mal wieder einen Nicht-Krimi vorgelegt, ein Roadtrip vom Feinsten, Coming-of-Age, herrlich lakonisch. Und in dieser unvergleichlichen Haasschen Langsamkeit, diesem betörenden, in Trance versetzenden Sound:

Ein etwas dicklicher Bursche, gerade mal 13 Jahre alt, verfällt der superhübschen, anbetungswürdigen Gattin des Fernfahrers Tscho. Ein Grund rasch abzunehmen, radikal:  „Morgen wird’s ernst. […] Eine halbe Hühnerbrust und zwei mittelgroße Kartoffeln.“ Mit einem halben Löffel Leinöl …

Das Problem ist nur  -  der Fernfahrer will ihn auf eine Tour mitnehmen, weil er einen Dolmetscher braucht. Herrlich. Eine Zeitreise zurück in die frühen Siebziger. Ein wunderschönes Stück Literatur, so richtig geeignet, wenn rechts neben einem nicht der Rotwein steht, sondern der Milchkaffee mit einem schönen Stück Cremetorte. Ein toller Lesespaß!

Einmal Pubertät und zurück!

von Thomas Koch

David Schalko / Schwere Knochen

1938, Anschlusszeit in Österreich. Drei jugendliche Nachwuchsverbrecher rauben die Wohnung eines Promi-Nazis aus. Sie werden ermittelt und in Konzentrationslager gesteckt. Sie überleben und kommen raus, bar jeglicher menschlicher Hemmungen.

Schalko beschreibt nun den Aufstieg dieser Gangster und blickt dabei auf eine österreichische Nachkriegsgesellschaft; sein Blick ist wahrlich bitterböse, stellt die rekordverdächtige Heuchelei der Wiener Bevölkerung bloß, beschreibt die elende Schacherei zwischen den Besatzungsmächten. Ein veritables Großverbrecherepos, spannend wie Goodfellas oder  Once Upon a Time in America -  nur manchmal schwer zu lesen: die Sprache ist sehr fordernd, von alptraumartigen Bildern durchsetzt in einem ganz eigenartigen Sound gehalten. Was raucht der Mann? Aber, wenn man sich eingelassen hat, kommt auch dieser eigenartige Schauer, der Reiz des Finsteren  -  man fühlt und bangt mit dem mörderischen, wirklich bösen Protagonisten. Starker Tobak, tolles Buch.

Böse find‘ ich klasse!