von

Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo / Der Tintenfischer

 

Nach dem Erfolg des ersten Venedig-/Sizilien-Krimis der beiden Autoren war ein Band 2 zu erwarten. Man muss den ersten aber nicht gelesen haben, um an dem zweiten Band Lesevergnügen zu haben.

Der freie Hund (ein aus Sizilien nach Venedig versetzter Kommissar namens Morello) und seine Partnerin retten einen Flüchtling aus Nigeria. Nach seiner Geschichte wird seine Freundin auf Sizilien von der nigerianischen (!) Mafia zur Prostitution gezwungen. Also fahren die Ermittler aus Venedig nach Sizilien, wo Morello (seine Vergangenheit holt ihn ein) direkt verhaftet wird.

Die schwere Kost aus der Corona-Situation in Venedig, der Flüchtlingskrise und der Internationalisierung der Mafia wird spannend erzählt und immer wieder gibt es (bestimmte Parallelen mit bekannten Werken können nicht geleugnet werden) schöne Szenen zu Essen mit traditioneller Küche und gutem Wein.

Wie Band 1 ist das gute Unterhaltung mit etwas touristischer Werbung für das schöne („dank“ Corona nicht mehr übervölkerte) Venedig und das sonnige Sizilien.

Her damit!

von

Christoph Nußbaumer / Die Unverhofften

Auch dieser Titel ist schon 2020 erschienen, Ihr seht, vor Weihnachten muss der Stau noch schnell abgearbeitet werden: Der Einband spricht von „Familiengeheimnisse(n), Tabus und Verstrickungen über vier Generationen in Deutschland“ - und das trifft es ziemlich gut. Unser Motiv, das Buch an dieser Stelle zu empfehlen, ist aber der Ausgangspunkt der Geschichte - hier wird Rache genommen für eine ungesühnte Vergewaltigung. Auf der Basis seines Dramas „Eisenstein“ komponiert Nußbaumeder erstmals einen Generationenroman:

Es geht um das Jahrhundert von 1899 bis 2009. In Epochenblöcken wird das Schicksal der Hauptperson Georg beschrieben, viele anderen Figuren werden ebenfalls weiterentwickelt. Diese Struktur des Buches ist sicher auch dadurch bestimmt, dass der Autor sich bisher als Dramatiker einen Namen gemacht hat. Zwar fällt es etwas manchmal etwas schwer, die verwandtschaftlichen Verbindungen aktuell zu haben, aber das trübt das Lesevergnügen nicht – und ganz nebenbei gibt es auch noch den einen oder anderen (gelegentlich etwas arg belehrenden) Blickwinkel auf die Geschichte Deutschlands, den man vielleicht so nicht auf dem Schirm hatte.

Kurz: keine große Literatur – auch wenn das Buch aktuell den Preis des Wirtschaftsclubs im Literatur-Haus Stuttgart gewonnen hat – aber super für längere Winterabende, die ja nun vor uns liegen.

Her damit!

von

Inès Bayard / Scham

Auch die Geschichte einer Frau, zwar schon letztes Jahr erschienen, aber ebenfalls völlig zeitlos!

Es ist der erste Roman einer jungen Französin, die derzeit in Berlin lebt - und es ist kein Buch, das man so eben wegliest, denn, wie es auch in den meisten „Profi“-Kritiken steht: das Buch holt den Leser aus der Komfortzone.

Da das Ende vorweggenommen wird, gibt es nichts zu spoilen: Eine junge Frau, die sich sicher ist, ein perfektes Leben zu leben, wird vergewaltigt. Von ihrem Chef. Und die Schilderung ist sehr plastisch. Es geht in dem Buch viel mehr aber darum, wie sich aus der Scham, es niemandem zu erzählen, eine Tragödie aufbaut: das erste Kapitel schildert den Mord, den die junge Frau an Mann und Kindern (und sich selbst) begeht.

In vielen Kritiken werden Parallelen zu Leila Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“ (ebenfalls in diesem Newsletter besprochen) gezogen, doch Bayards Roman ist brutaler und quälender, aber absolut lesenswert!

Her damit!

von

Marianne Phillips / Die Beichte einer Nacht

Das Buch ist 1930 in den Niederlanden erschienen; die Autorin war als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei eines der ersten Ratsmitglieder der Niederlande. Ab 1940 durfte sie als Jüdin nicht mehr publizieren.

In einer Zeit, in der die literarische Erkundung der Psyche noch nicht wirklich verbreitet war, beschreibt die Autorin erschreckend genau, wie eine Idylle kippt und das furchtbare Folgen hat. Das Ganze wird, wie der Titel ja schon sagt, in einem Monolog in einer langen Nacht erzählt.

Vordergründig ist es die Geschichte des Aufstiegs (und Falls) einer Frau aus kleinen Verhältnissen über Ausbildung, Arbeit und eine kluge Eheschließung – der politische Hintergrund liegt in der Thematisierung der untergeordneten Rolle der Frau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Spannend zu lesen und immer noch aktuell – ein wunderbares Beispiel für die Zeitlosigkeit literarischer Texte.

Her damit!

von

Frank Göhre / Die Stadt das Geld und der Tod

Göhre hat einen sehr eigenen Stil: Verknappung bis zum absoluten Minimum; kurze, sehr plastische Szenen; karge Dialoge, ein Drehbuch für das Kopfkino - und dann reißt einen die Handlung fort.

Der Blick in eine Hamburger Realität der Oberschicht (und derer, die da hindrängen) ist gnadenlos desillusionierend. Wenn es wirklich so korrupt zugeht … Und es spricht eigentlich nichts dagegen, oder?

Absolut lesenswert.

Her damit!

von

Tessa Hadley / Zwei und zwei

Dieser Roman spielt im gutbürgerlichen Milieu Londons; zwei junge, sehr verschiedene Frauen beginnen eine Beziehung mit zwei befreundeten Männern, heiraten dann jedoch den jeweils anderen Partner. Alles scheint dennoch gut. Eine 30-jährige Freundschaft mit gemeinsamen Reisen, Kindern in beiden Ehen und den vermeintlich üblichen ups and downs, nimmt ihren Lauf, bis einer der vier Freunde stirbt. Das Gleichgewicht wird empfindlich gestört und daraus ergeben sich weitreichende Folgen für die Leben der verbliebenen Drei.

Zwei und zwei ist natürlich auch eine Gesellschaftsstudie und doch so viel mehr, weil es einfach gut erzählt ist, klug, voller feiner Ironie.

Her damit!

von

Denis Grozdanovitch / Von der Kunst, die Zeit totzuschlagen

Zeit zum totschlagen hatten wir ja nun wahrlich genug in den letzten anderthalb Jahren. Wenn man der Statistik glaubt, hat ein Gutteil unserer Landsleute diese damit verbracht, ordentlich zu futtern und sich nur zurückhaltend zu bewegen.

Das meint Grozdanovitch nicht. Ihm geht es um die Legitimation, sich nicht wie blöd für irgendwelche Projekte ins Zeug zu legen, nicht Euro um Euro dem Bruttosozialprodukt hinzuzufügen. Nein, Leute, pflegt eure Spleens, chillt; Müßiggang ist aller Freude Anfang.

Wie steht es so schön im Vorwort: „Im Grunde sind Müßiggänger selten untätig, sie widmen sich einfach nur Tätigkeiten, die die herrschende Meinung als unnütz erachtet.“

Her damit!