von Thomas Koch

Rex Stout / Es klingelte an der Tür - Ein Fall für Nero Wolfe

Ein wirklicher Scoop, der Klett-Cottas da gelungen  ist: Der vermutlich politischste Roman der ellenlangen Serie mit Archie Goodwin und Nero Wolfe, angesiedelt Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Story beschäftigt sich mit einem FBI, der sich über den Gesetzen wähnt und so operiert  -  besser kann ein literarischer Verlag nicht zeigen, was er von der aktuellen Entwicklung in Amerika hält. Natürlich hätte man die Serie der Neuübersetzungen woanders, vielleicht sogar am Anfang, beginnen können. So aber ist es ein klares Statement, und obendrein ein wunderbarer, spannender und intelligenter Krimi. Chapeau!

1 x Archie und Nero bitte

 

von Thomas Koch

Massimo Carlotto / Am Ende eines öden Tages

Da hat Tropen wieder einen echten hardboiled Thriller heraus gebracht: Die Karriere eines völlig gewissenlosen Mörders vom Kriminellen hin zu gesellschaftlicher Anerkennung. Brutal, unfassbar, grausam. Man darf bei der Lektüre nicht empfindlich sein; es wird nicht nur gemordet!

Carlotto kennt sich aus, kennt das italienische System, kennt das kriminelle Milieu. Ist das alles nur italienisch? Ein spannender Thriller, ein Pageturner vom Allerfeinsten. Eines dieser Bücher, das einem tief im Innersten beunruhigt: Mit wem identifiziere ich mich da eigentlich gerade? Gruselig. Lesenswert.


Her mit dem Gemetzel:

 

von Thomas Koch

André Schneider / Freiheit schafft Lebenschancen

Es ist klar, welche Liberalen Schneider meint  -  aber das tut diesem Essay keinen Abbruch, Schneiders Gedanken und Argumente weisen in die richtige Richtung: Wir dürfen angesichts vieler Bedrohungen nicht den Weg derer gehen, die mit vermeintlich einfachen Lösungen Ruhe und Sicherheit versprechen. Das kann nicht gut gehen, unsere Kultur der Freiheit gilt es zu verteidigen.

Ein schmales Büchlein mit viel Inhalt, sehr lesenswert.

„Freiheit kann nur in Freiheit Freiheit sein“

 

von Thomas Koch

Roger Willemsen / Wer wir waren

Eigentlich sollte es sein nächstes Buch werden, doch sein allzu früher Tod ließ dieses Projekt nicht mehr zu. Aus zwei nachgelassenen Redemanuskripten hat seine langjährige Lektorin Ina Wilke dieses Buch komponiert  -  Willemsens melancholisches Vermächtnis, seine Mahnung an diese Generation, nicht die Zukunft durch Belanglosigkeit und Oberflächlichkeit zu verspielen. Ein brillantes Dokument, eine erschütternde Abrechnung, Kulturpessimismus pur! Willemsen nimmt eine geistvolle Position in einer intellektuell elenden  Zukunft ein und beschreibt, rhetorisch und sprachlich voller schillernder Finesse, wie es zu diesem Niedergang kam  -  und wie wir ihn jetzt noch verhindern könnten. Ein wichtiges Buch, das es aber gegen die Herrschaft der 140 Zeichen schwer haben wird. Schade.

Her mit Geist:

 

von Thomas Koch

Vicki Edgson / BRÜHE

Aus der unendlichen Vielfalt oder aus der endlosen Wiederholungsschleife auf dem Kochbuchmarkt (das kann man ja so oder so sehen) ist aktuell dieses Buch erwähnenswert, das sich einem ganz simplen Thema widmet: Brühe!

Wie der Titel nahelegt, werden alle unterschiedlichen Grundrezepte ausführlich dargestellt und es gibt die obligatorischen Basisinformationen sowie Hinweise, wie gesund das womöglich alles sei.

Besonders gelungen ist jedoch der Fortsetzungsteil des Buches, in dem gezeigt wird, wie man eine gute Brühe weiterverarbeiten kann. Und zu vielen Rezepten gibt es hierbei noch Alternativvorschläge. Wie in jedem Kochbuch findet man auch das eine oder andere abseitige Rezept, besonders schön ist aber hier die Breite vom Gulasch zum Dal.

Ich will gerne Brühe kochen und wissen was Dal ist …

 

von Thomas Koch

Marion Reinhardt / Gründungsgeschichte des Internationalen Bundes

Das ist meine Organisation, hier bin ich Mitglied, hier bringe ich mich ein:

Der Aufbau von Integrationshilfen für entwurzelte, zugewanderte Jugendliche und die Entwicklung einer international geprägten Kulturarbeit für junge Menschen - das waren die Ziele des "Internationalen Bundes für Kultur- und Sozialarbeit" (schon damals kurz "IB" genannt). Gegründet wurde er am 11. Januar 1949 in Tübingen, der Landeshauptstadt des damaligen Württemberg-Hohenzollern.

Die drei Initiatoren dieses überkonfessionellen und nicht parteipolitisch gebundenen "Freien Trägers der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit", so der heutige Namenszusatz, waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Der französische Offizier Henri Humblot war im Auftrag der Besatzungsmacht für die demokratische Umerziehung der deutschen Jugendlichen zuständig. Carlo Schmid war Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern und einer der Väter des Grundgesetzes. Der dritte, Heinrich Hartmann, war bis zum Ende der NS-Zeit Hauptabteilungsleiter im Kulturamt der Reichsjugendführung der Hitlerjugend gewesen.

Gründungsmitglieder des IB waren dann Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im damaligen Württemberg-Hohenzollern, so beispielsweise fast das gesamte Landeskabinett.

Die vorliegende Dokumentation befasst sich auf Basis umfangreichen historischen Materials mit den verschiedenen Aspekten der Gründungsgeschichte des IB und wirft damit auch ein gesellschaftspolitisch interessantes Licht auf die Übergänge von der Nazi-Diktatur zu den ersten beiden Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik.

Wie hat sich der IB in seinen Anfängen gesellschaftlich und politisch positioniert? Ist die Personalstrategie aufgegangen, ehemalige NS-Funktionäre einzubinden und ihnen so die Möglichkeit zur persönlichen Wiedergutmachung zu geben? Welche Konzepte und Programme zur Integration von Jugendlichen wurden in der Frühphase des IB entwickelt und realisiert? Wie gestaltete sich der Weg von einem regionalen zu einem bundesweiten Träger mit einem vielfältigen Angebot von Bildungs- und Sozialarbeit? Antworten auf diese Fragen liefert diese Dokumentation.

Wissenschaftliche Expertisen zu zentralen Themen rund um die Gründungsgeschichte des IB ergänzen diese Veröffentlichung ebenso wie Kurzbiografien der wichtigsten Gründungspersönlichkeiten und ein Überblick über die ersten Gremien und Mandatsträger.

Gründungsgeschichte des Internationalen Bundes

von Thomas Koch

Axel Hacke / Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Axel Hacke hat ja auch einen Büro-Elefanten, warum nicht auch mal ein paar Tage mit Gott durch München schlendern?

Da ist diesem wunderbar humorvollen Kolumnisten ein richtig schönes Büchlein gelungen, ein Kleinod: Gott ist unter uns, um mal nach seiner Schöpfung zu schauen, auch um mal von diesen ewigen Sphärenklängen weg zu kommen. Ein fantasievolles Büchlein, eine wunderbar leichte philosophische Exkursion, ein richtiges Feel-Good-Teil. Egal, ob ungläubig oder fromm, das Buch verletzt niemanden, unterhält aber blendend. Anrührend, richtig schön zu lesen.

Das ideale Geschenk (für mich?)