von Thomas Koch

Klaus Binder / Lukrez – Über die Dinge der Natur

Kürzlich habe ich diese Neuübersetzung vom Lukrez in die Hände genommen, ja, und auch drin geblättert, mal kurz angelesen. Über Stunden nicht mehr aufgehört damit, das Telefon Telefon sein lassen, fast auch die Mittagspause: Es ist ein großer Wurf, beglückend, inspirierend, noch immer purzeln meine Gedanken und Assoziationen durcheinander. Aber, der Reihe nach:

Im Jahre 2012 erschien Stephen Greenblatts „Die Wende“, das für mich literarisch aufregendste Sachbuch des Jahres. Es erzählt die Geschichte der Wiederentdeckung eines verschollenen Manuskriptes, nämlich Lukrez‘ „De rerum natura“ und beschreibt die Wirkmächtigkeit dieses Textes als einen wichtigen Baustein zur Überwindung des finsteren Mittelalters. Ein schönes, dabei sehr lesbares Buch, das natürlich als Lobgesang aufs Epikuräische bei „Atheisten“ stärkeren Anklang fand.

Leider gab es zu der Zeit nur doch recht holprige, in die Reimform des Originals gepresste Übersetzungen ins Deutsche, die wohl auch inhaltlich die Ideenwelt Lukrez‘ nicht gut wiederspiegelten; man wollte der „Wende“ weiter nachspüren, verlor aber bald das Interesse, da diese Übertragungen keinerlei Strahlkraft hatten. Das hat nun endlich ein Ende:

Binder entscheidet sich für eine Übersetzung ins Prosa-Deutsche, wunderbar rhythmisch, fließend zu lesen. Schon nach wenigen Zeilen taucht man in die Gedankenwelt dieses klassischen Meisterwerkes ein und staunt über den Reichtum an Wissen, an Natur- und Menschenverständnis, an einer opulenten Beobachtungslust, die es vor über 2000 Jahren in Roms Blütezeit gab.

Natürlich wissen wir Vieles heute besser, sind wissenschaftlich aufgeklärt. Aber sind wir wirklich aufgeklärter? Was ist all unser Wissen wert?

Lassen Sie sich verzaubern von einer saftigen Sprache, von einer sinnenfrohen, lebensbejahenden Gedankenwelt, die anders ist als unser christliches Weltbild und doch reich an Ethik, an Maß, an Menschlichkeit. Und die einen wonnevollen, vergnüglichen Lesespaß bietet. Ich liebe dieses Buch.

Ja, den Lukrez möchte ich!

Und warum nicht den Greenblatt?

von Thomas Koch

Jan Wagner / Regentonnenvariationen

Normalerweise versuche ich es zu vermeiden, vom Feuilleton hymnisch gelobte Bücher auch noch zu besprechen.

Hier muss ich eine Ausnahme machen, dieses Buch ist fast zu schön, um wahr zu sein: Ein Lyrikband gewinnt den Preis 2015 der Leipziger Buchmesse. Ein junger Autor, 1971 in Hamburg (!) geboren, der auch in seinen Essays eine an Joachim Kalka erinnernde Reflexionstiefe entwickelt, ausgestattet mit unbegreiflichem Hintersinn, Neugierde, übersprudelnder Kreativität: Jede Seite ein neuer Spaß, ein fantastisches Lesevergnügen, man will sofort mit Rezitieren beginnen und den Lebenspartner überfallen, wecken, beteiligen. Herrlich herrlich herrlich!

Das Vergnügen gönn' ich mir!

von Thomas Koch

Till Lindemann / Die Gedichte

Wir kennen ihn als textenden Frontmann der Band Rammstein, ein manchmal rüder Poet, radikal, nahezu pornografisch explizit. Ein rechter Bürgerschreck.

Manche seiner Gedichte sind auch so. Hart, schwer verdaulich, verstörend wie einst Wolfgang Bauer. Aber meistens ist dieser Bursche überaus empfindsam, kreativ, wortgewandt mit wachem, oft ironischem Blick. Z. B. „Größer Schöner Härter“ - ein Schmähgesang auf die ästhetische Chirurgieindustrie und ihre Kundschaft - mit dem wunderbaren Refrain

Nadel Faden Schere Licht // ohne Schmerzen geht es nicht.

Höhö.

Poetisch? Oft. Lyrisch? Immer!

Ja, ich will Gedichte lesen!

von Thomas Koch

Torben Kuhlmann / Lindbergh

Tja. Eigentlich ein Kinder-Bilder-Buch. Eigentlich.

Vielleicht, weil wieder mal niemand den Mut fand, dieses schmale, aber große Büchlein wegen der vielen Bilder und dem im allerbesten Sinne naiven Text Erwachsenen zu empfehlen. Ich will das hiermit gern nachholen: Ganz im Ernst, die Geschichte von der fliegenden Maus „Lindbergh“ ist ein kleines Meisterwerk, die Abschlussarbeit eines Studiums „Illustration & Kommunikationsdesign“. Wenn ich mir die vielen anderen, im Print-on-Demand-Verfahren veröffentlichten Abschlüsse in Pädagogik, Juristerei und Wirtschaftswissenschaften anschaue: Respekt, Herr Kuhlmann!

Fein ziselierte Zeichnungen, brillant, witzig und doch unfassbar detailreich. Man spürt den Spaß des Verfassers an seiner Materie, die Liebe zur Technik - und zur Maus! Sein Ideenreichtum und die zugleich fröhliche, ironische Distanz bereiten gerade uns Erwachsenen ein schönes und kurzweiliges Lese- und Blättervergnügen. Eine kleine Story, erkennbar „inspiriert“ von Weltwissen und Humor; ein Happy End - ein köstliches Buch. Für Große, gern auch für die Kleinen, ein Muss auf dem coffee table.

Und, auch wenn es dem Buchhändler weh tut: Das Ebook legt noch eine Schippe drauf. Super gemacht.

Dieses E-Buch muss ich haben, sobald es der Buchhandel bekommt!

Genau dieses Buch will ich!

von Thomas Koch

Jan Seghers / Die Sterntaler-Verschwörung

Zuerst schimpfte ich sogar: Was schreibt der da, das passt doch nicht zusammen. Irgendwo bei hundert Seiten dachte ich dann: Das darf doch gar nicht wahr sein, soll das jetzt so eine Drei-Romane-in-einem-Band-Geschichte werden?

Aber dann war da auch dieser Sog, die Magie der Figuren, die mich mitzogen. Und zum Schluss - es ist wunderbar rund und alles ergibt einen Sinn: Ein tolles Buch. Marthaler halt. Super. Und, so ganz nebenbei, ein gruseliger Einblick in deutsche Politik. Hoffentlich ist das alles nur „erfunden“.

Diesen schönen Krimi will ich haben!

von Thomas Koch

Richard Stark (Donald Westlake!) / The Hunter

Dies ist eine Neuübersetzung des gleichnamigen Buches aus dem Jahre 1962 – der erste einer langen Reihe von Parker-Romanen.

Wer Parker noch nicht kennt: Bitte melden! Aber Achtung – hohe Suchtgefahr!

Für alle anderen: „The Hunter“ wurde 1967 als Point Blank mit dem genialen Lee Marvin in Szene gesetzt, ein super film noire. Die Verfilmung mit Mel Gibson, Payback, ist zwar actionreich, hat aber recht wenig mit dem Buch zu tun. Drastischer Mainstream halt. 

Das jetzt nun erschienene Buch bietet vielerlei spannungsliterarische Genüsse: Zum einen kann man im Nachhinein wunderbar verfolgen, wie ein Autor eine Figur erfindet, sie sich noch erarbeiten muss und auch noch etwas unsicher ist, wie deren Potentiale auszuschöpfen seien. Das liest sich schon spannend.

Und dann ist da natürlich noch die Figur Parkers selbst, dieser völlig skrupellose Verbrecher mit dem eigentümlich sympathischen Ehren-Codex – wie schreibt der Spiegel so schön: „An seiner Seite wird man einen Roman lang gern zum Verbrecher.“

Das ganze gewürzt mit Zutaten wie der (alten, aber dennoch neuen Rache-)Story, ein bissle Sex zum lakonischen Stil und: Ein fantastisch aufgebauter Spannungsbogen – schlicht ein tolles Buch!

Genau dieses Buch muss ich haben!

von Thomas Koch

Neil Gaiman / Der Ozean am Ende der Straße

Kehlmann sagt: „Das Buch ist ein kleines Meisterwerk der Schauerromantik, ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt.“

Ich kann dem nur zustimmen. Wirklich hochpoetisch, fast unerträglich spannend, anrührend, voller Weisheit. Zum Schluss brennen etwas die Augen und man findet es schade, dass es nun ausgelesen ist. Kann man mehr von einem Buch verlangen? Es ist alles drin, Weltweisheit und Mystisches, Böses und Gutes, Licht und Dunkel. Und eben diese Ahnung, dass es da mehr geben muss als das Sichtbare. Ich liebe dieses Buch. Ja, es ist sogar noch ein Stückchen besser, nein, nicht besser: reifer, erwachsener, kompletter als sein ohnehin schon sensationelles Graveyard-Buch.

Dieses wirlich tolle Buch muss ich haben!