von Thomas Koch

Pascal Mercier / Das Gewicht der Worte

Ich hab’s ja manchmal mit den Lektor*innen, ich weiß; nicht immer gerecht oder professionell, aber gerade hier, bei diesem Buch denke ich, empfinde ich: weniger wäre mehr gewesen.

Vielleicht waren es ja vorher 1000 Seiten Manuskript, ich habe keine Ahnung. Aber auch jetzt, noch volle 572 Seiten: Passagen von brillanter Luzidität, von fabelhafter poetischer Prosa, werden abgelöst von Passagen unerträglicher Larmoyanz, von aufgeplusterter Geschwätzigkeit.

Das Leben, die Umstände, die hier geschildert, abgebildet werden, sind über alle Maßen idealisiert - wo hat Mercier das her? Kein Stress im Verlagsleben, Übersetzer ohne Existenzdruck, alle haben Zeit Zeit Zeit, bekümmern sich stets um Andere. Ja, man möchte fast ein italienisches Gefängnis, insb. den Flügel mit den Albanern, als Urlaubshotel buchen.

Nach der Hälfte weiß ich immer noch nicht, wo Mercier hin will. Eigentlich will ich aufhören, mich nicht ärgern müssen. Andererseits: Ich habe direkt nach dem Schreiben dieser Zeilen darüber mit meiner Frau diskutiert. Über dieses Buch, über meine Haltung dazu, über die Wirkung auf mich. Ich habe auf die für mich unmögliche Grundsituation hingewiesen - ein ärztliches Todesurteil für den Protagonisten aufgrund einer Verwechslung. Ohne eine zweite Meinung, ja, ohne auch nur nachzufragen, nimmt der Held der Geschichte das Urteil, will seinen Nachlass ordnen und bereitet den erlösenden Freitod vor. Das passt alles nicht.

Die Diskussion war emotional. Was kann Literatur. Was darf Literatur. Eine lebhafte Diskussion mit richtig guten Argumenten auf beiden Seiten! Ein echter Disput: was wollen, können Bücher mehr erreichen? Ich werde weiter lesen!

Her damit!

von Thomas Koch

Ray Bradbury / Fahrenheit

 
Trauer muss nicht nur Elektra tragen, trauern müssen wir alle - es ist schrecklich, was alles verloren geht, wie viele Menschen krank werden, sterben. Und irgendwie ist kein Ende in Sicht; kein Licht am Tunnelende, sondern Mutanten.
Ach, in meiner Jugend waren Mutanten Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, Wesen mit der Berufung, Gutes zu tun. Na ja, ‘n paar böse gab’s auch, schon wahr. Aber heute - irgendwie übertrieben, oder? Politiker scheinen nur noch angstgesteuert, wer was auf sich hält, ersinnt Verbote.
Da halte ich heute gegen, ich werde hymnisch loben, beginnend mit dem Verbotsbuch schlechthin – Fahrenheit 451:
Seit geraumer Zeit ist es ja so eine Art Mode geworden, ältere Titel neu aufzulegen oder, finanziell unterstützt durch irgendwelche Stiftungen oder Förderungen, neu zu übersetzen. Das kann auch in die Hose gehen, vor allem, wenn die wundersame Neuübertragung lustlos lektoriert wird. So geschehen bei dem Versuch, den Malteser Falken endlich werkgetreu zu übersetzen. Schrecklich, verhunzt. Und auch hier gilt halt, dass die Zeit irgendwie drüber gegangen sein kann.
So geschehen auch bei Hansers Versuch, den Lederstrumpf im frischen Gewand, und um allerlei damals nicht übersetzte Passagen erweitert, unters Volk zu bringen. Ja, die seinerzeit weg gelassenen Passagen sind auch heute entsetzlich langatmig. Oder Klett-Cotta‘s mit editorischen Anmerkungen aufgewertete Nero-Wolfe-Übersetzungen. Wirklich feine, sogar feinste Kost - aber leider verkaufen sich nun einmal Burger besser als Langustenschwänze … Sang- und klanglos eingestellt; in diesem Fall leider.
Und dann so etwas: 2020 darf Peter Torberg Fahrenheit 451 von Ray Bradbury für Diogenes neu übersetzen. Und er macht das wunderbar, eine Wucht von einem Buch entsteht.
Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt, verbrennt. Bücher z.B..
Guy Montag, der Held?, doch, ja, der Held dieser Geschichte, ist Feuermann. Er verbrennt Bücher und Bibliotheken, denn in seiner Welt darf nicht mehr gelesen werde. Es wird ferngesehen, wie blöd, gar zum verblöden.
Unserem Helden wird immer unwohler bei dieser Aufgabe. Bücher üben einen unerklärlichen Reiz auf ihn aus, aber Leser sind erheblichen Lebensgefahren ausgesetzt …
Bradbury beschreibt visionär eine Welt, von der ich manchmal denke, dass wir direkt darauf zu steuern. Und auch in diesem Fall ist das Dystopische doppelt schrecklich, denn wie Ungarn, wie Polen, wie (bis vor Kurzem?) die USA: die Leute haben es selbst gewählt. Träge, voller Unverstand.
Der Übersetzer Peter Torberg weckt die tiefe, die überwältigende poetische Kraft des Textes. Das ist große Klasse, über alle Maßen lesenswert. Und sollte schnellstens Pflichtlektüre an Schulen werden!

Her damit!

von Thomas Koch

Christa Ludwig / alle Farben weiß

Wir kennen Christa Ludwig als Kinderbuch-Autorin, hier nun schreibt sie „für Senioren“: Eine junge Frau sucht ihren Weg im Leben; ist etwas sperrig, nicht unbedingt sympathisch. Sie macht es auch dem Leser nicht leicht.

Aber die Geschichte fängt einen doch ein. Der ungewollte Weg vom Traum, Künstlerin zu sein hin zum Broterwerb „Restaurieren“ ist nachvollziehbar, die Erfüllung darin einfach schön beschrieben.

Kein Mainstream, ganz bestimmt nicht. Und überhaupt nicht spektakulär. Einfach eine schöne Geschichte mit dem erstaunlichen Effekt, dass man das Buch nicht einfach zuklappt. Nein, es bleibt auch nach dem Lesen lange bei einem.

Überzeugt euch selbst!

von Thomas Koch

Mark Billingham / Ein Herz und keine Seele

Der Autor ist dem einen oder anderen vielleicht schon von dem Roman „Die Lügen der Anderen“ ein Begriff. Mark Billingham arbeitete auch als Schauspieler und Stand-up-Comedian; zum Schreiben wurde er nach eigenen Angaben auch dadurch inspiriert, dass er selbst Opfer eines Verbrechens war.

Ein Herz und keine Seele ist eine Tom Thorne-Geschichte. Diese Reihe ist ein großer Erfolg des Autors, die in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt wurde. Tom Thorne und seine Partnerin sind beides sehr eigenwillige Ermittler, für jeden Vorgesetzten eine Herausforderung. Auch die private Seite der beiden wird immer wieder beleuchtet.

In diesem Fall geht es um einen Betrüger, der sich Frauen gefügig macht und diese dann um ihr Vermögen bringt. Auf der Suche nach seinem nächsten Opfer gerät er jedoch an eine sehr spezielle Frau. Mehr kann man nicht verraten, aber der Detective Inspector und seine Partnerin haben einen langen Weg vor sich.

Nicht unbedingt eine Bettlektüre!

Her damit!

von Thomas Koch

Michael Wildenhain / Die Erfindung der Null

Als in Stuttgart lebender Leser interessiert man sich schon für Bücher, die in Stuttgart spielen, auch wenn sich diese mit Themen befassen, von denen man rein gar nichts versteht (hier: Mathematik), bei denen man eher nur diejenigen bewundert, die die Materie verstehen.

Und dann noch die Beschreibung auf der Rückseite des Einbandes: „Zwei Menschen sitzen sich in einem Verhörraum gegenüber. Dr. Gödeler wird des Mordes verdächtigt, der Staatsanwalt will ihm ebenjenen Mord nachweisen. Doch die Kontrolle über die Verhörsituation verschiebt sich unaufhörlich zugunsten des Verdächtigen.“ Das klingt doch spannend.

Aber ganz ehrlich: das Buch spielt nur zum Teil in Stuttgart – und die Stadt diesen Teils der Handlung könnte auch jede andere sein. Die Mathematik kommt vor, schon deshalb, weil besagter Dr. Gödeler ein Mathematik-Genie ist – aber ist das ein notwendiger Handlungsbestandteil? Da kann man zumindest geteilter Meinung sein. Und die oben beschriebene Ausgangsituation? Leider ist das Buch nicht so spannend, wie das klingt. Die Geschichte wird logisch und konsequent, aber auch quälend langsam entwickelt und zu Ende geführt; ja, alle Handlungsstränge, bei denen man sich gefragt hatte, wohin das wohl führe, werden verknüpft, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das nicht so lange hätte dauern müssen.

Etwas für Leser, die sehr spezielle Introspektionen nicht schrecken.

Her damit!

von Thomas Koch

Jens Bisky / Berlin Biographie einer großen Stadt

Der Nachteil zuerst: wir reden über 905 Seiten plus Bibliographie, aber das ist ja nicht verwunderlich bei dem Anspruch, die Geschichte des Aufstiegs eines Nestes an der Spree seit Ende des 30-jährigen Krieges zu erzählen.

Jens Bisky hat sich schon mehrfach biographischen Themen gewidmet (Kleist, Friedrich der Große), aber die Biographie einer Stadt ist schon ein besonderes Projekt. Beim Erscheinen Ende 2019 waren die Kritiken äußerst positiv und das kann man nur bestätigen.

Am Anfang, der schließlich sehr weit zurück liegt, liest sich das je nach Interesse an Geschichte natürlich etwas sperrig, lohnt sich aber sehr, weil – wie der Leser immer mehr merkt – sich aktuelle Probleme, die man mit dieser Stadt ja in vielfacher Form haben kann, schon aus sehr frühen Zeiten erklären.

Bisky erzählt sehr detailliert sowohl von den die Entwicklung der Stadt bestimmenden Personen als auch über die Architektur der einzelnen Perioden bis zu den Einflüssen von außen und wie die Stadt wiederum nach Außen gewirkt hat.

Selbstverständlich ist das insgesamt eine deutsche und auch europäische Geschichte, aber anschaulich und bildreich erzählt, dass man einerseits große Abschnitte lesen kann, ohne sich einfach nur belehrt zu fühlen und andererseits, dass man den Wälzer auch einmal eine Weile aus der Hand legen kann und gut einen Wiedereinstieg findet.

Berlin ist eine Mühe wert!

Her damit!

von Thomas Koch

Tommie Goerz / Meier

Bislang ist der Autor eher aus der „Regional-Krimi-Szene“ bekannt, sehr erfolgreich mit seinen Franken-Krimis. Hier nun hat er ein Ding rausgehauen, einfach super! Eigentlich ist der Plot ja ausgelutscht: Mann zu Unrecht im Knast, kommt raus, nimmt Rache. Aber, ein großes ABER – Tommie Goerz findet sehr verdichtet, lakonisch, völlig schnörkellos einen Weg, dem Ideal des Grafen von Monte Christo doch sehr nahe zu kommen. Spannend bis zum Schluss, denn das Leben in Freiheit nach einem Jahrzehnt Gefängnis ist wirklich nicht einfach, und der Gegner gefährlich.

Ein wirklich lesenswerter Krimi, wer Chandler mag, wird ihn lieben.

Her damit!