von Thomas Koch

Pascal Engman / Der Patriot

Ein selbsternannter schwedischer Patriot macht ernst, er tötet Journalisten, deren Meinung, deren Haltung ihm nicht gefallen.

Beängstigend ist, wie Engman in die Köpfe dieser neuen Nazis und ihrer Unterstützer schaut. Und wie rasch eine neue, eine widerliche Stimmung sich nachgerade widerstandslos verbreiten kann. Der Teil des Romans ist brillant.

Der Held  - jeder Thriller braucht einen Helden! -  ist nun leider der schwächere Part des Buches. Seine Figur ist nicht ganz schlüssig. Und an den „Action-Szenen“ muss Engman zukünftig noch etwas arbeiten. Ansonsten: sollte man lesen!

Bitte vormerken, das Buch erscheint am 28. Februar

von Thomas Koch

John Lanchester / Die Mauer

Der Autor entwirft ein Szenario, das leider gar nicht mehr so abwegig erscheint: Eine gigantische Mauer umschließt die gesamte Britische Insel und jeder Bürger dieser Insel ist verpflichtet, zwei Jahre Dienst zur Bewachung dieser Mauer zu leisten. Es ist kalt auf der Mauer, sie soll „die Anderen“ davon abhalten, auf die Insel zu gelangen, denn sollte es einem Eindringling gelingen, die Mauer zu überwinden, so konnte dieser in früheren Zeiten als „Dienstling“ sich in der Gesellschaft der Inselbewohner einen Platz erarbeiten, die Verantwortlichen aber wurden hart bestraft. Zu dem Zeitpunkt, in dem der Roman spielt, ist die Abschottung schon weiter fortgeschritten; Eindringlinge hätten keine Möglichkeit einer Eingliederung mehr.

John Lanchester  beschreibt diesen Dienst des jungen Kavanagh, er beschreibt, wie dieser lernt, die jeweils 12-stündigen Tag- und Nachtschichten durchzuhalten, wie die Einheit, in der er dient, zu seiner Familie wird, wie er sich von seinem Leben vor dem Dienst auf der Mauer immer mehr entfernt; in kurzen Passagen geht es auch immer wieder um den Gegensatz zwischen dem Leben vor der Mauer und dem Leben zu Zeiten der Mauer – das ist die Art des Generationenkonflikts in diesem Buch.

Der Roman hat drei Teile: Die Mauer, die Anderen und das Meer – man ist immer mehr gespannt, wie dieses aufgeblätterte Szenario weiter entwickelt wird – und mehr soll hier auch nicht erzählt werden. Migration, Klimawandel, Brexit - "Die Mauer" -  von John Lanchester ist

der Roman der Stunde!

von Thomas Koch

Josef H. Reichholf / Schmetterlinge - Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet

Der berühmte und geehrte Zoologe, Vogelkundler, Wissenschaftsvermittler schreibt über das Versagen der Landwirtschaft und der Politik, zeigt in bewundernswert zauberischem Ton die Zusammenhänge in unserem Ökosystem. Er schreibt so schön über dieses grausliche Thema, man ist zugleich fasziniert und empört: auch Ökobauern sind keine Bewahrer; nein, die Hoffnung liegt in den Städten und - beim Wähler. Bei uns!

Ein wunderbares, ein wichtiges Buch. Wir müssen etwas ändern in diesem Land, in Europa, in unserem Verhalten.

Das muss ich lesen!

von Thomas Koch

Takis Würger / Stella

Das nächste Buch nach einem überragend erfolgreichen Debüt ist wohl immer das schwerste. Plötzlich wird eine große Elle angelegt, akribisch nach Fehlern oder Aussetzern gefahndet  -  der Kritiker ist nicht unvoreingenommen. Ich auch nicht, konnte ich mich doch der Vielzahl der Rezensionen nicht entziehen. Mein persönliches Fazit: Der Vorwurf des Tabubruches ist albern. Natürlich kann heute ein literarischer Autor über eine jüdische Sünderin schreiben  -  denn das ist die Geschichte: Stella Goldschlag gab es wirklich, sie verriet Juden an die Nazis, um ihre eigene Haut zu retten. Würger sympathisiert nicht mit ihr; er schreibt lediglich was er glaubt, was und wie es geschehen sei. Und da begeht er Fehler, denn es ist wohl doch so, dass er schlecht bzw. unzureichend recherchiert hat; dass er spätere Äußerungen Goldschlags nicht berücksichtigt hat. Dass er das Thema Folter und was sie mit dem Opfer macht, marginalisiert, das „Böse in ihr“ aber erhöht. Das ist unverzeihlich.

Tatsache ist aber auch, dass sein Erstling „Der Club“

(Link zur ersten Rezension)

 

dichter, packender, schlicht wuchtiger und besser ist.

Also: Stella ist schon lesenswert (vor allem, wenn man nach einem Small-Talk-Thema sucht), aber vorher gibt’s wichtigere, spannendere und innovativere Bücher!

Ich probier´s.

von Thomas Koch

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht das Newsletterteam.

von Thomas Koch

Winfried Kretschmann / Worauf wir uns verlassen wollen

Also, ganz ehrlich: Ein Drittel Eigenlob zum Thema Erfolge seiner Regierungen und der Grünen an sich; ein weiteres Drittel paraphrasiert grüne Wahlprogramme; und ein Drittel stellt (s)eine konservative Idee des Erhaltens in den Vordergrund. Nicht  innovativ, aber das will Herr Kretschmann wohl auch gar nicht sein.

Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch, das möchte ich lesen!

von Thomas Koch

Takis Würger / Der Club

Ein deutscher Abiturient geht seiner Tante zuliebe nach Cambridge; studiert, wird Mitglied im Boxclub, soll für sie ein Verbrechen aufklären, das mit dem legendären Pitts Club zusammen hängt.

Es dauert eine Weile, bis man den Sinn dieser Aktion erahnt. Aber schon vorher kann man sich gegen den Sog, den dieser schmale Band entwickelt, nicht mehr wehren: Eine äußerst reduzierte, knappe  Sprache, schnelle Perspektivwechsel, eine sehr klare Struktur. Und ein sensationeller Plot! Ein Blick auf die Dekadenz, die Rücksichtslosigkeit  einer Elite, der sprachlos macht. Und wie weit Menschen gehen, um   -scheinbar-  dazu zu gehören. Ein wunderbares, ein großes kleines Buch, ein Autor, der es weit bringen wird. Das muss man gelesen haben.

Ich will in den Club!