von Thomas Koch

Tristan Garcia / Das Siebte

 

Ein Traum von Unsterblichkeit? Ewiges Leben… Wer kennt nicht „Und täglich grüßt das Murmeltier"? Jeden Morgen wacht der Held auf, alles an diesem Tag beginnt von vorn wie am Tag zuvor und dem davor und dem davor… So oft, bis er endlich zu einem guten Menschen wird. Sehr amerikanisch.

So geht Tristan Garcia nicht an die Sache ran: der namenlose Held beginnt zwar sein Leben immer wieder neu, immer wieder am gleichen Ort zur gleichen Zeit - aber als Neugeborenes unmittelbar nach dem Moment des Sterbens. Allerdings beginnt er mit dem Bewusstsein und der Erinnerung an alle vorherigen Leben. Was für eine Chance, vor vorn beginnen zu können, ein neues Leben leben zu dürfen. Aber auch: was für eine Verantwortung! Was für ein Stress. Ja, und: was für eine Folter!

Garcia findet unglaublich schöne, poetische Bilder; gerade die Schilderungen der Beziehungen des Ich-Erzählers, der Suche nach der ewigen Liebe (und ewig meint hier ewig!), gehören zu den allerstärksten Momenten des Buches.

Früh wissen wir, dass auch für unseren Helden irgendwann die Zeit gekommen sein wird, dass die Geschichte enden wird. Aber - wissen wir das wirklich? Es bleibt spannend und rätselhaft bis zur aller letzten Zeile!

Ein wahrlich lesenswertes, teilweise sehr betörendes und verstörendes Buch, das mich noch immer sehr beschäftigt.

Ewiges Leben? Mal schau’n…

von Thomas Koch

Anders de la Motte / Sommernachtstod

 

Schon wieder ein Schwedenkrimi?? Muss das sein??


Muss es nicht, die Geschichte könnte auch auf der schwäbischen Alb oder auf Sizilien spielen. Es ist auch nicht unbedingt große Kriminalliteratur, wie das Geheimnis um ein seit zwanzig Jahren spurlos verschwundenes Kind gelöst wird. Wie immer, ist es schwierig, zu viel über den Inhalt zu erzählen.


Es ist einfach ein spannendes Buch für die jetzt längeren Abende, das ganz gut thematisiert, wie dörfliche Gemeinschaften funktionieren und was passiert, wenn man als Außenstehender mit Macht versucht, in die überdauerten Strukturen einzudringen.

Mord im Dorf? Her damit!

von Thomas Koch

Ian McEwan / Maschinen wie ich

 

Fast am Ende dieses Buches stehen die Sätze, die super in die heutigen Diskussionen um künstliche Intelligenz passen: „ Anfangs glaubten wir, in zehn Jahren können wir das menschliche Hirn nachbauen. Aber jedes winzige Problem, das wir lösten, warf eine Million neuer Probleme auf. Haben Sie eine Ahnung, was alles nötig ist, um einen Ball zu fangen, eine Tasse an die Lippen zu heben oder auf Anhieb... einen mehrdeutigen Satz zu verstehen?“


Die Geschichte, wie ein lebensechter Android in das Leben zweier Menschen am Beginn einer Liebesgeschichte passt, entwickelt McEwan mit gewohnter Finesse und interessanten Erzählsträngen, wenn auch – weil ein bestimmter Gesprächspartner lebend zur Verfügung stehen muss – in seltsamem zeitlichen Kontext. Es lohnt sich, die diesbezüglichen historischen Ausflüge vielleicht ein wenig schneller zu lesen und sich dafür auf den aktuellen Bezug dieses Romans einzulassen.

Ja, KI interessiert mich!

von Thomas Koch

Alex Lépic / Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

 

Commissaire Lacroix, ein Typ wie Maigret; grummelnd, grübelnd, gern mal einen süffeln, feines Essen muss sein, ermittelt erstmals für uns unter Clochards an der Seine.


Sensationelles Lokalkolorit, seitenweise läuft einem das Wasser im Munde zusammen, man will weg hier. Und dann dieser Maigret-Typ - herrlich, schön zu lesen, auch wegen der Selbstironie, macht Spaß. Und jetzt kommen ja die langen kalten Winternächte mit ordentlich Bordeaux …

Her mit dem Schmöker!

von Thomas Koch

Kai Wieland / Amerika

 

Na ja, der Roman, spielt in einem von Zeit und Einwohnern fast vollständig verlassenen urschwäbischen Dorf. Wobei, also, ein bissle Amerika findet doch statt.

Wieland stammt aus Backnang, er weiß also, was er tut. Und er lässt uns in einem ganz eigentümlichen Ton in die Kriegs- und Nachkriegsvergangenheit tiefster schwäbischer Provinz eintauchen. Ohne zu Volkstümeln, sondern radikal literarisch. Man versteht rasch, warum dieser Autor den Thaddäus-Troll-Preis bekommen hat, warum Denis Scheck begeistert ist. Morbide, abgründig, fesselnd. Aber ruhig, nachgerade gemächlich. Kein Mordsspaß, sondern echtes Lesevergnügen.

Heimat!

von Thomas Koch

Siri Hustvedt / Damals

 

Sicher, über Bücher von Siri Hustvedt kann man auch im Feuilleton immer lesen, was sie veröffentlicht, findet den Weg in die Medien. Warum also auch in diesen Newsletter?

Weil die Frau einfach toll schreibt, immer so herausfordernd, dass man mit Pausen lesen muss, aber auch immer so, dass das Lesen ein Genuss ist.

Vordergründig geht es um ein Mädchen vom Land und seine Erfahrungen in der großen Stadt New York. Die junge Frau kommt nach New York und will Schriftstellerin werden. Schon allein die Beschreibungen, wie sie ohne Geld einfach lange in Bibliotheken oder Cafés sitzt und die Welt um sich herum wahrnimmt - man atmet diese Stadt beim Lesen ein.

Die dünnen Wände des wenig luxuriösen Wohnhauses lassen sie jedoch unausweichlich am Leben ihrer Nachbarin teilhaben – und ob man das dann wirklich will, auch darum geht es in der Geschichte.

Aber Siri Hustvedt erzählt wie immer nicht nur eine Geschichte, es geht in dem Buch natürlich auch um Ihre Standardthemen wie den Kampf zwischen Frauen und Männern, reale Gewalt und Gewaltphantasien, die Zeit und ihre Wahrnehmung – das sind dann die Passagen, nach denen man dann immer mal wieder eine Pause braucht. Und dann wieder wünscht man sich, das Buch möge nie enden.

Ich lasse mich ein!

von Thomas Koch

John Grisham / Das Bekenntnis

 

Nach langer Zeit schien es doch einmal wieder angesagt zu schauen, was die sog. Bestseller-Autoren aktuell so veröffentlichen. Der noch frische Roman von John Grisham z.B. lässt den Leser eher ratlos zurück. Zwar ist das Buch professionell so aufgebaut, dass man es ausliest, einfach weil man die ganze Zeit denkt „das kann es doch nicht gewesen sein“. Wenn man den Ziegel bewältigt hat, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass die Story auch mit der Hälfte der Seiten hätte erzählt werden können – und dann wäre sie wahrscheinlich sogar gut gewesen. Der klappentextmäßig angekündigte Justiz-Thriller ist es jedenfalls nicht.

Auf diesen 588 Seiten liest man, wie ein angesehener WKII-Kriegsheld einen Methodisten-Pater erschießt, sich dafür zu Tode verurteilen und hinrichten lässt; man liest die bei Grisham üblichen Ausführungen zu juristischen Scharmützeln und in epischer Breite, wie die Familie, insbesondere die Kinder, herauszufinden versuchen, warum das alles passiert ist. Auf vielen Seiten liest man außerdem die Geschichte des Kriegshelden, seine Gefangenschaft im 2. Weltkrieg, die Gräueltaten der Japaner an amerikanischen Soldaten (in durchaus drastischen Bildern), seine Zeit als Partisan und seine Rückkehr in die Vereinigten Staaten.

Aber - es ist einfach von allem zu viel: Zu viel über die Rechtschaffenheit des Helden, zu viel darüber, dass er wirklich niemand erzählt, warum er es getan hat, zu viel Krieg, zu viel über die lange Anlaufzeit, die die Familie benötigt, das Drama zu klären. Langweilig.

Wer die Thematik dennoch spannend findet oder seine Grisham-Sammlung vollständig haben will:

Nur zu