von Thomas Koch

Chris Lloyd / Gare d'Austerlitz

Da hat Suhrkamp wieder einen coolen Krimi an Land geholt: Er spielt in finsterster Zeit (1940!) im soeben von den Nazis besetzten Paris. Ein Inspecteur mit richtig viel Stress, reichlich Action. Finten- und wendungsreich, ein echter Pageturner!
 

von Thomas Koch

Gilbert Keith Chesterton / Die Wildnis des häuslichen Lebens

Joachim Kalka legt hier eine wundersame Sammlung von Skizzen, Fragmenten und kleinen Essays des Erfinders der „Pater-Braun-Geschichten“ vor. Ein wunderbares Vergnügen, gewitzt, verschmitzt, stets den Schalk im Nacken: „Es ist vollkommen offensichtlich, daß es in jedem anständigen Beruf (wie dem Maurerhandwerk oder der Literatur [!]) im Grunde nur zwei Möglichkeiten gibt, Erfolg zu haben. Entweder leistet man sehr gute Arbeit, oder man betrügt.“ Eben.

Ein schöner schmaler Band zum Herumschmökern, viel Munition für den Small-Talk. Ich werde bei nächster Gelegenheit in fröhlicher Runde das Wesen der 12 Geschworenen referieren!

Her damit!

von Thomas Koch

Steven Price / Der letzte Prinz

Ein kanadischer Lyriker und Autor befasst sich mit der Entstehungsgeschichte des großen Sizilien-Romans „Der Leopard“ (Il Gattopardo im Original, in früheren deutschen Auflagen auch Der Gattopardo) – was kann daraus werden? Nach Meinung der Feuilletons großer deutscher Tageszeitungen eher nichts! In einer dieser Kritiken geht es um mangelndes Stilgefühl und um die Sprache, in einer anderen wird beanstandet, historische Tatsachen seien verdreht worden. Hallo, es ist ein Roman, keine Biografie.

Und deshalb kann man sich auch einfach mal darauf einlassen. Natürlich ist die Geschichte des letzten Sprosses eines einst mächtigen Adelsgeschlechts, der die Diagnose erhält, unheilbar krank zu sein, ein Buch über seinen Urgroßvater schreibt und stirbt, ohne mitzuerleben, wie das Buch verlegt und ein Welterfolg wird, kein „Reißer“. Die melancholische Grundstimmung wird manches Mal etwas übertrieben, die „Handlung“ mäandert aus Palermo hinaus über die Insel Sizilien und zurück über Palermo nach Rom, den Ort des Todes.

Wenn man das, was man über die Entstehung des „Gattopardo“ zu wissen glaubt, hintanstellt, ist dieses Buch nur die Geschichte des Lebens eines Mannes, der seine letzte Lebensenergie in ein Buch steckt (aber auch nicht weniger); vielleicht auch einfach ein schöner Impuls, sich dem großen Sizilien-Roman direkt wieder einmal zuzuwenden. Der ist mindestens ebenso lesenswert!

Her damit!

von Thomas Koch

Julia Deck / Privateigentum

Also, ich bin ja ein klassischer Großstädter. Ich brauche (noch, jaja) dieses pulsierende Leben, so ohne Stadt wird mir Gegend recht schnell zu „zu viel Gegend hier“. Deswegen kann ich den Impuls der Protagonisten dieser sehr bösen Geschichte, aus Paris in eine ökologisch korrekte Vorstadtsiedlung zu ziehen, nicht ganz nachvollziehen. Ja, und dort ist’s dann auch wirklich viel schlimmer als in der Stadt. Lauter üble, intrigante Menschen. Fassade! Herrlich! Julia Deck seziert bitterböse, nein, genüsslich, den Vorstadtalptraum  -  140 Seiten Spaß. Und, zum Glück, auch Pariserinnen und Pariser können die Keule rausholen.

Her damit!

von Thomas Koch

Donna Leon / Flüchtiges Begehren

Brunettis 30. Fall – man glaubt es wirklich kaum

Es wird nicht wenige Leser geben, die schon nach dem ersten oder zweiten Fall festgestellt haben, dass das nicht ihre Lektüre ist und es wird weitere geben, die länger treu blieben, jedoch inzwischen nicht mehr zur Fangemeinde gehören, aber die diese ist unverändert groß.

Was ist es, das viele an diesen Geschichten festhalten lässt? Die Spaziergänge oder Bootsfahrten durch das heutige Venedig mit allen Licht- und Schattenseiten?, die gelegentlichen Ausflüge in die traditionelle italienische Küche Paolas?, die „Battles“ mit Vice-Questore Patta oder die Flirts mit Signorina Elletra? Die Kriminalfälle spielen sich ja immer eher im Hintergrund ab und nicht in jedem obsiegt, was der Leser als gerecht empfinden würde.

Das alles gilt natürlich auch für den Jubiläumsfall, der, wie so oft, harmlos anfängt, und sich immer mehr ausweitet. Der Ausflug zweier amerikanischer Touristinnen mit zwei Einheimischen endet für die Amerikanerinnen in der Notaufnahme eines Krankenhauses und setzt Ermittlungen in Gang, die, ebenfalls wie so oft, an einem ganz anderen Punkt enden.

Her damit!

von Thomas Koch

Claudia Hammond / Die Kunst des Ausruhens

Wer zum Thema „Ausruhen“ noch für ein paar Anregungen offen ist, dem ist Die Kunst des Ausruhens ans Herz gelegt. In Zeiten, in denen Menschen sich immer noch rühmen(!), gestresst zu sein, widmet sich das Buch den Top Ten aus der oben dargestellten Studie. Ausgehend von der zentralen Aussage, dass die Menschen zu wenig zur Ruhe kommen, werden zehn Wege, eben diese Ruhe zu finden, beschrieben. Insgesamt ist da natürlich nichts bahnbrechend Neues dabei, aber die Beschreibung des hinlänglich bekannten „Rosinenexperiments“ als Erklärung der Achtsamkeit oder der beruhigenden Wirkung der Natur (außer wenn alle Städter an einem Tag gleichzeitig an einem nahen Badesee einfallen) (oder die sog. Down-hiller sich der Waldwege bemächtigen) lesen sich einfach schon beruhigend.

Also kein „to-do-Buch“, sondern eher die Bestätigung, die Ermunterung für die individuelle Ruhetherapie.

Her damit!

von Thomas Koch

Mai Thi Nguyen-Kim / Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Die Autorin ist promovierte Chemikerin und seit längerer Zeit als Wissenschaftsjournalistin unterwegs. Sie hat sich einen Namen damit gemacht, naturwissenschaftliche Themen eingängig und leicht verständlich auch einem jungen Publikum nahezubringen. Dafür hat sie mehrere Youtube-Kanäle, moderiert eine Fernsehsendung und schreibt, natürlich, Bücher.

Aktuell widmet sie sich in neun Kapiteln Fragen wie „Videospiele und Gewalt“, „Gender Pay Gap“ oder „Sind Tierversuche ethisch vertretbar?“. Dafür stellt sie divergierende Meinungen und wissenschaftliche Ansätze einander gegenüber und begründet ihre eigenen Schlüsse ausführlich. Und dies tatsächlich in einer verständlichen Sprache. Die Themenauswahl ist dabei interessant und auch nicht nur an den aktuell in den Medien dominierenden Themen orientiert.

Das klingt doch nach einem durchaus empfehlenswerten Buch?! Ein Aber ist dennoch dabei, und dieses Aber liegt wahrscheinlich in der seit der Corona-Pandemie schlagartig angestiegenen Popularität der Autorin begründet: Sie hat in mehreren Auftritten deutlich gemacht, dass sie Defizite in der Allgemeinbildung und im wissenschaftlichen Arbeiten sieht, was ihrer Ansicht nach, in Zusammenhang mit fehlender Quellen- und Medienkompetenz, den Verschwörungstheoretikern Vorschub leistet. Das mag ja so zutreffend sein, rechtfertigt aber nicht unbedingt den gelegentlich oberlehrerhaften Ton, in dem sie schreibt. Wenn man sich selbst einen gewissen Bildungsgrad attestiert, liest man das Buch doch manchmal mit Stirnrunzeln und gehobenen Augenbrauen.

Nichtsdestotrotz, ein hippes, ein aktuelles Sachbuch mit wirklich interessantem Themenspektrum.

Her damit!