von Thomas Koch

Kai Wieland / Amerika

 

Na ja, der Roman, spielt in einem von Zeit und Einwohnern fast vollständig verlassenen urschwäbischen Dorf. Wobei, also, ein bissle Amerika findet doch statt.

Wieland stammt aus Backnang, er weiß also, was er tut. Und er lässt uns in einem ganz eigentümlichen Ton in die Kriegs- und Nachkriegsvergangenheit tiefster schwäbischer Provinz eintauchen. Ohne zu Volkstümeln, sondern radikal literarisch. Man versteht rasch, warum dieser Autor den Thaddäus-Troll-Preis bekommen hat, warum Denis Scheck begeistert ist. Morbide, abgründig, fesselnd. Aber ruhig, nachgerade gemächlich. Kein Mordsspaß, sondern echtes Lesevergnügen.

Heimat!

von Thomas Koch

Siri Hustvedt / Damals

 

Sicher, über Bücher von Siri Hustvedt kann man auch im Feuilleton immer lesen, was sie veröffentlicht, findet den Weg in die Medien. Warum also auch in diesen Newsletter?

Weil die Frau einfach toll schreibt, immer so herausfordernd, dass man mit Pausen lesen muss, aber auch immer so, dass das Lesen ein Genuss ist.

Vordergründig geht es um ein Mädchen vom Land und seine Erfahrungen in der großen Stadt New York. Die junge Frau kommt nach New York und will Schriftstellerin werden. Schon allein die Beschreibungen, wie sie ohne Geld einfach lange in Bibliotheken oder Cafés sitzt und die Welt um sich herum wahrnimmt - man atmet diese Stadt beim Lesen ein.

Die dünnen Wände des wenig luxuriösen Wohnhauses lassen sie jedoch unausweichlich am Leben ihrer Nachbarin teilhaben – und ob man das dann wirklich will, auch darum geht es in der Geschichte.

Aber Siri Hustvedt erzählt wie immer nicht nur eine Geschichte, es geht in dem Buch natürlich auch um Ihre Standardthemen wie den Kampf zwischen Frauen und Männern, reale Gewalt und Gewaltphantasien, die Zeit und ihre Wahrnehmung – das sind dann die Passagen, nach denen man dann immer mal wieder eine Pause braucht. Und dann wieder wünscht man sich, das Buch möge nie enden.

Ich lasse mich ein!

von Thomas Koch

John Grisham / Das Bekenntnis

 

Nach langer Zeit schien es doch einmal wieder angesagt zu schauen, was die sog. Bestseller-Autoren aktuell so veröffentlichen. Der noch frische Roman von John Grisham z.B. lässt den Leser eher ratlos zurück. Zwar ist das Buch professionell so aufgebaut, dass man es ausliest, einfach weil man die ganze Zeit denkt „das kann es doch nicht gewesen sein“. Wenn man den Ziegel bewältigt hat, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass die Story auch mit der Hälfte der Seiten hätte erzählt werden können – und dann wäre sie wahrscheinlich sogar gut gewesen. Der klappentextmäßig angekündigte Justiz-Thriller ist es jedenfalls nicht.

Auf diesen 588 Seiten liest man, wie ein angesehener WKII-Kriegsheld einen Methodisten-Pater erschießt, sich dafür zu Tode verurteilen und hinrichten lässt; man liest die bei Grisham üblichen Ausführungen zu juristischen Scharmützeln und in epischer Breite, wie die Familie, insbesondere die Kinder, herauszufinden versuchen, warum das alles passiert ist. Auf vielen Seiten liest man außerdem die Geschichte des Kriegshelden, seine Gefangenschaft im 2. Weltkrieg, die Gräueltaten der Japaner an amerikanischen Soldaten (in durchaus drastischen Bildern), seine Zeit als Partisan und seine Rückkehr in die Vereinigten Staaten.

Aber - es ist einfach von allem zu viel: Zu viel über die Rechtschaffenheit des Helden, zu viel darüber, dass er wirklich niemand erzählt, warum er es getan hat, zu viel Krieg, zu viel über die lange Anlaufzeit, die die Familie benötigt, das Drama zu klären. Langweilig.

Wer die Thematik dennoch spannend findet oder seine Grisham-Sammlung vollständig haben will:

Nur zu

von Thomas Koch

Bernhard Jaumann / Der Turm der blauen Pferde

 

In den Wirren der letzten Kriegstage und ersten nicht so ganz wirklichen Friedenstage verschwinden abertausende Kunstwerke, so auch das titelgebende legendäre Werk von Franz Marc. In diesem fesselnden Roman taucht es wieder auf. Jaumann entwickelt daraus eine irre Story um Obsessionen und Fälschungen, Gier und Hybris im Kunstmarkt. Fesselnd und voller Wendungen bis zum Schluss! Eine tolle Recherche, wissenswerte Fakten und plausible Annahmen - und natürlich hat auch der Kunstmarkt seinen Mörder!

Da er mit diesem Buch einen Mehrteiler startet, bekommt die eine oder andere Hauptfigur ein bisschen arg viel Platz, um sich uns privat vorzustellen. Ansonsten - ich freu‘ mich schon auf den nächsten Fall der rührigen Kunstdetektive!

Ich habe Platz im Regal

von Thomas Koch

John Ironmonger / Der Wal und das Ende der Welt

 

Ein herrlich altmodischer, total moderner Lesegenuss der allerersten Güte. Mehr sage ich nicht, siehe oben. Aber, wer nicht warten mag:

Die Rettung naht!

von Thomas Koch

Pascal Engman / Der Patriot

Ein selbsternannter schwedischer Patriot macht ernst, er tötet Journalisten, deren Meinung, deren Haltung ihm nicht gefallen.

Beängstigend ist, wie Engman in die Köpfe dieser neuen Nazis und ihrer Unterstützer schaut. Und wie rasch eine neue, eine widerliche Stimmung sich nachgerade widerstandslos verbreiten kann. Der Teil des Romans ist brillant.

Der Held  - jeder Thriller braucht einen Helden! -  ist nun leider der schwächere Part des Buches. Seine Figur ist nicht ganz schlüssig. Und an den „Action-Szenen“ muss Engman zukünftig noch etwas arbeiten. Ansonsten: sollte man lesen!

Bitte vormerken, das Buch erscheint am 28. Februar

von Thomas Koch

John Lanchester / Die Mauer

Der Autor entwirft ein Szenario, das leider gar nicht mehr so abwegig erscheint: Eine gigantische Mauer umschließt die gesamte Britische Insel und jeder Bürger dieser Insel ist verpflichtet, zwei Jahre Dienst zur Bewachung dieser Mauer zu leisten. Es ist kalt auf der Mauer, sie soll „die Anderen“ davon abhalten, auf die Insel zu gelangen, denn sollte es einem Eindringling gelingen, die Mauer zu überwinden, so konnte dieser in früheren Zeiten als „Dienstling“ sich in der Gesellschaft der Inselbewohner einen Platz erarbeiten, die Verantwortlichen aber wurden hart bestraft. Zu dem Zeitpunkt, in dem der Roman spielt, ist die Abschottung schon weiter fortgeschritten; Eindringlinge hätten keine Möglichkeit einer Eingliederung mehr.

John Lanchester  beschreibt diesen Dienst des jungen Kavanagh, er beschreibt, wie dieser lernt, die jeweils 12-stündigen Tag- und Nachtschichten durchzuhalten, wie die Einheit, in der er dient, zu seiner Familie wird, wie er sich von seinem Leben vor dem Dienst auf der Mauer immer mehr entfernt; in kurzen Passagen geht es auch immer wieder um den Gegensatz zwischen dem Leben vor der Mauer und dem Leben zu Zeiten der Mauer – das ist die Art des Generationenkonflikts in diesem Buch.

Der Roman hat drei Teile: Die Mauer, die Anderen und das Meer – man ist immer mehr gespannt, wie dieses aufgeblätterte Szenario weiter entwickelt wird – und mehr soll hier auch nicht erzählt werden. Migration, Klimawandel, Brexit - "Die Mauer" -  von John Lanchester ist

der Roman der Stunde!