von Thomas Koch

Mai Thi Nguyen-Kim / Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Die Autorin ist promovierte Chemikerin und seit längerer Zeit als Wissenschaftsjournalistin unterwegs. Sie hat sich einen Namen damit gemacht, naturwissenschaftliche Themen eingängig und leicht verständlich auch einem jungen Publikum nahezubringen. Dafür hat sie mehrere Youtube-Kanäle, moderiert eine Fernsehsendung und schreibt, natürlich, Bücher.

Aktuell widmet sie sich in neun Kapiteln Fragen wie „Videospiele und Gewalt“, „Gender Pay Gap“ oder „Sind Tierversuche ethisch vertretbar?“. Dafür stellt sie divergierende Meinungen und wissenschaftliche Ansätze einander gegenüber und begründet ihre eigenen Schlüsse ausführlich. Und dies tatsächlich in einer verständlichen Sprache. Die Themenauswahl ist dabei interessant und auch nicht nur an den aktuell in den Medien dominierenden Themen orientiert.

Das klingt doch nach einem durchaus empfehlenswerten Buch?! Ein Aber ist dennoch dabei, und dieses Aber liegt wahrscheinlich in der seit der Corona-Pandemie schlagartig angestiegenen Popularität der Autorin begründet: Sie hat in mehreren Auftritten deutlich gemacht, dass sie Defizite in der Allgemeinbildung und im wissenschaftlichen Arbeiten sieht, was ihrer Ansicht nach, in Zusammenhang mit fehlender Quellen- und Medienkompetenz, den Verschwörungstheoretikern Vorschub leistet. Das mag ja so zutreffend sein, rechtfertigt aber nicht unbedingt den gelegentlich oberlehrerhaften Ton, in dem sie schreibt. Wenn man sich selbst einen gewissen Bildungsgrad attestiert, liest man das Buch doch manchmal mit Stirnrunzeln und gehobenen Augenbrauen.

Nichtsdestotrotz, ein hippes, ein aktuelles Sachbuch mit wirklich interessantem Themenspektrum.

Her damit!

von Thomas Koch

Michael Maar / Die Schlange im Wolfspelz

„Wilhelm Hauff, bekannt für seine Märchen, suchte für seinen historischen Roman Lichtenstein einen Verlag.“ Das ist der erste Satz eines Buches, welches uns das Geheimnis großer Literatur eröffnen will? Man sollte denken, dass der Autor sich das reiflich überlegt hat, da er in sein Werk sogar ein ganzes Literaturquiz mit Anfangsätzen (oder Schlusspassagen) von literarischen Werken aufgenommen hat. Ein Quiz übrigens, das es in sich hat.

Das Buch beginnt ohne jegliche Einleitung mit der Frage „Was ist Stil“, widmet sich so erwartbaren Themen wie Metaphern, Wiederholungen oder benennt allerlei lässliche Stilsünden; und es geht auch unerwarteten Themen, wie z.B. Satzzeichen, nach.

Aber ganz eigentlich ist „Die Schlange im Wolfspelz“ (was für ein schönes Bild, Dank sei Eva Menasse gewiss) ein Gang durch seine Bibliothek, ein liebevoller Blick in die Werkstätten - bekannter und weniger bekannter - Autorinnen und Autoren. Maar zeigt dem Leser, wie diese es seiner Ansicht nach gemacht haben, zeigt Fehler und Stilblüten, verzeiht sie manchmal, er weist auf Überflüssiges hin und vor allem auf Begeisterndes.

Das Ganze eröffnet ein breites Spektrum mit 50 Autorendarstellungen, ein schöner Ausflug in die Lyrik ist auch noch dabei.

Hat man am Ende das Geheimnis großer Literatur erkundet? Vielleicht. Was man auf jeden Fall gemacht hat, ist, in das eine oder andere Buch, das Maar auf’s Korn nimmt, wieder reingeschaut zu haben. Bestenfalls hat man gar Neues entdeckt. War das nicht vielleicht das eigentliche Ziel?

Und, ganz nebenbei: er schreibt wunderbar elegant, fast plaudernd, es ist eine Freude vom ersten Satz an!

Her damit!

von Thomas Koch

Camilla Läckberg / No Mercy

Ein kurzer und knackiger Roman nach dem Motto „Die Rache einer Frau endet nie“.

Drei Frauen, die mit wirklich unangenehmen Ausprägungen der Spezies Mann gesegnet sind, finden einen Weg, das Problem zu lösen. Es sind Frauen, die überhaupt nichts gemeinsam haben, die ein völlig unterschiedliches Leben führen, aber: die es eben alle drei mit dem Mann, der einmal der Mann der Träume war, nicht mehr aushalten. Mehr kann man, wie so oft, ohne zu spoilern, nicht erzählen. 142 Seiten, die sich kurz und knackig lesen, gute Unterhaltung, die nicht den Anspruch hat, zur Weltliteratur zu werden.

Her damit!

von Thomas Koch

Lousia Luna / Tote ohne Namen

Ein neuer Stern am Thriller-Himmel: Louisa Luna. Hart und erbarmungslos die Story; nüchtern und knapp die Sprache; glaubwürdig und fesselnd sie Charaktere - das macht richtig Spaß. Wer Jack Reacher oder Harry Hole liebt, wer Don Winslow oder Sebastian Fitzek verschlingt, kann nicht an diesem Buch vorbei. Gnadenlos gut!

Alice Vega ist Privatdetektivin, manchmal Kopfgeldjägerin und immer Spezialistin im Auffinden verschwundener und entführter Personen. Vega ist knallhart, notfalls gewaltaffin, aber auch sehr klug, deduktiv begabt, eine ultrascharfe Beobachterin - und sie gibt nie auf. Als zwei mexikanische Mädchen tot aufgefunden werden, heuert das San Diego Police Department Vega an, denn bei den beiden Toten ohne Namen fand man zwar keine Dokumente, dafür aber einen direkt an Vega gerichteten Hilferuf. Das DEA, die auf Drogen spezialisierte Strafverfolgungsbehörde, legt ihr nahe, die Finger von diesem Job zu lassen. Und auch die mexikanischen Kartelle schalten sich ein. Aber sie alle haben die Rechnung ohne Vega gemacht ...

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von Thomas Koch

Megan Hunter / Die Harpyie

Wenn du frustriert bist, weil du in Suburbia als einzige ein Haus gemietest hast, weil's für einen Kauf nicht langt. Wenn du frustriert bist, weil dein Mann an einer zweitklassigen Uni arbeitet. Wenn du frustriert bist, weil deine Kinder deiner Karriere im Weg standen. Ja dann sollte dein Mann besser nicht fremd gehen. Das wird krass für ihn.
Heftiges Buch, nichts für schwache Nerven, Durchknallerei vom Feinsten!

Als Lucy erfährt, dass ihr Ehemann Jake sie betrügt, soll eine verhängnisvolle Abmachung die Ehe retten: Drei Mal darf Lucy Jake bestrafen. Wann und auf welche Weise, entscheidet sie. Ein gefährliches Spiel zwischen Rache und Vergebung entbrennt - und schließlich erwacht eine Seite in Lucy, die schon immer tief in ihr geschlummert hat. Bildreich und sprachmächtig erzählt Megan Hunter ein atemberaubendes, dunkles Märchen über eine Verwandlung, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Lucy und Jake Stevenson leben mit ihren beiden Söhnen am Rande einer wohlhabenden Kleinstadt in England. Während Jake täglich zur Universität pendelt, arbeitet Lucy von zu Hause aus und kümmert sich um die Kinder. Doch eines Nachmittags zerstört ein Anruf die Familienidylle: Jemand möchte Lucy wissen lassen, dass Jake eine Affäre mit einer Arbeitskollegin hat. Das Paar beschließt zusammenzubleiben, trifft aber eine Vereinbarung als Ausgleich für den Verrat: Lucy wird sich drei Mal an Jake rächen - und er weiß nicht, wann und auf welche Weise. Während die beiden sich auf ein subtiles Spiel um Verbrechen und Strafe einlassen, beginnen sich Lucys Körper und Geist allmählich zu verändern, die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen - eine Verwandlung, die sich nicht mehr aufhalten lässt ... «Die Harpyie» erzählt eine packende Geschichte über Liebe und Verrat, Mutterschaft und Frausein, Wut und Befreiung. Ein Roman von archaisch-mythologischer Kraft und zugleich gegenwärtiger gesellschaftlicher Relevanz.

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von Thomas Koch

Mai Thi Nguyen-Kim / Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Über das Buch: Mai Thi Nguyen-Kim untersucht brennende Streitfragen unserer Gesellschaft, denn wissenschaftliche Erkenntnisse liegen allem zugrunde: von Lohngerechtigkeit über den Klimawandel bis zur Impfpflicht. Mit Fakten kontert sie Halbwahrheiten, Fakes und Verschwörungsmythen – und zeigt, wo wir uns mangels Beweisen noch zurecht munter streiten dürfen.

Jurybegründung: Forscher haben herausgefunden, die Studie hat ergeben, die Wissenschaft hat festgestellt. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie werden Ergebnisse zitiert, verglichen und auch strapaziert, ja sogar verdammt. Deswegen ist es wichtig zu verstehen, wie Wissenschaft überhaupt funktioniert. Was sind valide Daten? Wo fängt Interpretation an? Die Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim erklärt das so unterhaltsam, fundiert und unaufgeregt wie in ihren YouTube Videos. Machen Videospiele Jugendliche wirklich aggressiver? Sollte man Drogen legalisieren? Können Globuli überhaupt wirken? Am Ende ist man schlauer, versteht besser, wie Wissenschaft funktioniert und traut sich, in Debatten Position zu beziehen.

Leseprobe: Die aktuelle Debattenkultur scheint hoch strapaziert, es dominiert Schwarz-Weiß, viele Fronten sind verhärtet. Differenzierte Diskussionen sind oft kaum möglich, geschweige denn ein Konsens. Doch zu einem Konsens zu gelangen, ist leichter gesagt als getan. Selbst Greta Thunbergs Spruch »Unite behind the Science« wirkt nach Corona irgendwie komplizierter als vorher. Für Greta war es das Mindeste, das man verlangen kann – sich hinter den Fakten, hinter der Wissenschaft zu versammeln. Aber gibt es die Wissenschaft überhaupt? Und auf was können wir uns überhaupt einigen?

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von Thomas Koch

Michael Maar / Die Schlange im Wolfspelz

Über das Buch: Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? In fünfzig Porträts entfaltet er eine Geschichte der deutschen Literatur.

Jurybegründung: Ein Zirkeltraining der Sprache, ein Boot Camp des Geistes, eine Schule der Achtsamkeit: Michael Maar hat mit „Die Schlange im Wolfspelz“ einen mit vielen Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur illustrierten Großessay über guten Stil geschrieben. Maars Spezialität: das Rühmen. Ob er Marie Ebner-Eschenbach „wegen des unverklärenden, antiidyllischen Naturalismus, wegen der Schärfe ihrer Psychologie und der ihres Gehörs“ preist oder Theodor Fontanes Fähigkeit beklatscht, „die Welt ganz im Gespräch aufgehen zu lassen“, Maar analysiert und argumentiert überzeugend. Ein Buch, mit dem man schreiben und denken lernen kann.

Leseprobe: Schlechten Stil zu beschreiben ist relativ leicht. Man kann den Finger darauf legen, was platt ist, wo es holpert, wo es schief ist, wo grau und abgenutzt. Viel schwieriger ist es beim guten Stil. Jeder Stil für sich ist eigen, eben das ist seine Definition. Eine generelle Regel verbietet sich. Die originellste Bestimmung stammt dabei von Kafka. Der Stil, die Individualität der Schriftsteller bestehe darin, daß jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdecke.

Her damit!